17 Jahre Ethik-Schulversuch: Eine unendliche Geschichte

Ethik als Alternative zum Religionsunterricht: Ein Schulversuch kommt in die Jahre. Erziehungswissenschafter Anton A. Bucher über einen „bildungspolitischen Skandal“.

Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck –Im Schuljahr 1997/98 wurde in Österreich erstmals Ethik unterrichtet – als Schulversuch und Ersatzgegenstand für Schüler, die sich vom Religionsunterricht abgemeldet haben. Tirol spielte dabei eine Pionierrolle, das Akademische Gymnasium, BORG Fallmerayerstraße und HTL Trenkwalderstraße in Innsbruck sowie BORG und BRG Landeck waren von Anfang an dabei. Heute bieten rund 60 Prozent der allgemeinbildenden höheren und die Hälfte der berufsbildenden höheren Schulen in Tirol Ethikunterricht an. Anfängliche Befürchtungen, Schüler würden sich scharenweise vom Religionsunterricht abmelden, haben sich nicht bewahrheitet – im Gegenteil. Sie treffen eher auf jene Schulen zu, die keinen Ersatzunterricht anbieten, denn dort locken wöchentlich zwei Freistunden.

Univ.-Prof. Anton A. Bucher, Religionspädagoge und Erziehungswissenschafter an der Universität Salzburg, spricht von einem Schulversuch mit „open end“, der mit 17 Jahren längst aus den Kinderschuhen raus sei, bald auch schon aus der Pubertät. Bucher war von Beginn an involviert und führte auch die vom Bundesministerium in Auftrag gegebene Evaluation in Österreich durch. In dem Buch „Der Ethikunterricht in Österreich – politisch verschleppt, pädagogisch überfällig“ analysiert er die unendliche Geschichte eines ewigen Schulversuchs und schreibt sich, wie er meint, dabei auch seinen Ärger von der Seele. Für ihn stünden zwei Modelle im Raum: Die flächendeckende Einführung von Ethik als verpflichtender Alternativgegenstand für jene Schüler, die nicht den Religionsunterricht besuchen, oder Ethik für alle, doch dagegen würden sich ÖVP und alle Religionsgemeinschaften aussprechen. Eine dritte Variante nach dem Schweizer Modell könnte ein gemeinsames Fach Ethik und Religionskunde für alle in Kooperation mit den Religionsgemeinschaften sein, aber auch dieses Modell stoße auf Kritik – von Seiten der Kirchen und der Konfessionsfreien. Insgesamt sei die Bedeutung des Ethikunterrichts unbestritten, so Bucher, so würden etwa ausländerfeindliche Stereotypen bei diesen Schülern erwiesenermaßen zurückgehen.

Für Tirol wünscht sich Landesrätin Beate Palfrader, Präsidentin des Landesschulrats, dass der Schulversuch nun endlich als Pflichtfach ins Regelschulwesen übernommen wird – für alle, die sich vom Religionsunterricht abmelden. Das würde auch die Ausdehnung auf die Unterstufe bedeuten. Bereits vor drei Jahren habe es von Seiten des Landesschulrat-Kollegiums einen entsprechenden Beschluss gegeben, doch letztendlich sei das Ministerium zuständig, so Palfrader. Außerdem brauche es endlich einen Lehrplan für das Fach „und man müsste sich auch überlegen, ein eigenes Studienfach Ethik einzuführen“.

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