Der lange Weg zurück ins Leben

Innsbruck – Eigentlich ist die Sache einfach: „Das Meer gibt, und das Meer nimmt“, sagt Jean Le Bars. Mehr gebe es da nicht zu sagen. So vie...

„Zwischen zwei Wassern“ ist der dritte Roman des 1964 geborenen Schweizer Autors Andreas Neeser.

Innsbruck –Eigentlich ist die Sache einfach: „Das Meer gibt, und das Meer nimmt“, sagt Jean Le Bars. Mehr geb­e es da nicht zu sagen. So viel Fatalismus deutet auf ein Trauma, eine tiefsitzende Verletzung hin. Aber darüber reden will der mürrische Kerl mit den schrundigen Händen und der ledrigen Haut nicht. Wem nützt es schon, wenn alt­e Wunden wieder aufgerissen werden. Schließlich macht das Meer keine Fehler. Und wo keine Fehler sind, da gibt es auch nichts zu verstehen.

Das sollte auch der Fremde einsehen, der seit Wochen Tag für Tag auf die tosende See hinausstarrt, Steinchen auftürmt, ein Foto nach dem anderen zerreißt und in Jean einen Leidensgenossen wähnt.

Der Fremde am Strand, das ist der Protagonist von Andreas Neesers neuem Roman „Zwischen zwei Wassern“. Was ihn hierher nach Feunteun Aod, an die bretonische Atlantikküste geführt hat, erschließt sich dem Leser in von Rückblenden ergänzten Momentaufnahmen. Vor einem Jahr hat sich das Meer hier seine Lebenspartnerin geholt, ohne Ankündigung, ohne Chance auf Rettung, vor allem aber: ganz ohne Grund. Trotzdem fühlt der Mann sich schuldig und führt seitdem ein Leben im Konjunktiv, verliert sich im Was-wäre-wenn. Des Trauerns überdrüssig, will er das, was passiert ist, verstehen, der Erbarmungslosigkeit des Schicksals einen Sinn geben.

„Zwischen zwei Wassern“ ist – darauf deutet schon der Titel hin – ein Buch des Übergangs. Dass der Protagonist dem Dorf am Atlantik und den schrägen Vögeln, die es bewohnen, den Rücken kehren und seinen Weg zurück ins Leben finden wird, kündigt sich am Ende zwar an, aber wirklich auserzählt wird diese Wandlung nicht. Neesers Text – mehr Novelle als Roman – geht es nicht um Plausibilität oder einen getakteten Spannungsbogen. Vielmehr liest sich „Zwischen zwei Wassern“ als mal aufwühlend karge, dann wieder sinnliche Zustandsbeschreibung von einem, der überlebt hat und mit der ernüchternden Erkenntnis ringt, dass es nicht immer Sinn macht, nach dem Sinn zu frage­n. (jole)

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Andreas Neeser. Zwischen zwei Wassern. Haymon Verlag, 180 Seite­n, 17,90 Euro. Buchpräsentation: Mittwoch, 12. März, um 20 Uhr im Literaturhaus am Inn (Josef-Hirn-Straße 5).


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