Der Sportminister verzichtet, weil es sich geziemt

Vor Wochen war Sotschi noch eine Reise wert. Doch in Zeiten der Krim-Krise findet es Gerald Klug falsch, die Paralympics zu besuchen.

Von Florian Madl

Wien –Einer Großveranstaltung die Aufwartung zu machen heißt, sie zu würdigen. Im Fall der abgelaufenen Olympischen Winterspiele in Sotschi fiel das Sportminister Gerald Klug und Bundeskanzler Werner Faymann leichter als Kollegen aus den USA oder Deutschland, jeder hatte seine Gründe:

Die von Bundespräsident Joachim Gauck waren persönlicher Natur – sein Vater war 1951 wegen „antisowjetischer Hetze“ von einem russischen Militärtribunal in der DDR zu 50 Jahren Arbeitslager in Sibirien verurteilt worden. Und US-Präsident Barack Obama boykottierte vor allem aus politischem Kalkül heraus, er berief die lesbische Tennislegende Billie Jean King gar in die US-Delegation.

Ein Zeichen wollte das offizielle Österreich damals nie setzen, man verübelte es ihm auch kaum. Bei einem Investitionsvolumen von 1,5 Milliarden Euro für heimische Unternehmen erschiene ein Boykott wohl eigenartig. Und das Österreich-Haus in Krasnaja Poljana verhieß den Politikern Faymann/Klug mit 300 internationalen Journalisten zudem einen größeren Multiplikatoreffekt als jede Ministerratssitzung in Wien. Zahlen dokumentieren: Von den Winterspielen im Februar sendete der ORF 430 Stunden live, von den heute beginnenden Paralympics 40 Stunden. Insgesamt.

Was noch anders ist? Im Fall der Paralympischen Spiele, ebenfalls in Sotschi, dem in Olympiaden wiederkehrenden Großereignis der Körperbehinderten (und möglicherweise dem einzigen überhaupt), verzichtet das offizielle Österreich auf seine Anreise. Die Krim-Krise dient Klug als Erklärung: „In dieser heiklen Phase geht es darum, keine Zeichen zu setzen, die als Legitimation der russischen Vorgehensweise gedeutet werden können.“

Kanzler Faymann versteht seinen Parteikollegen, er sei „enttäuscht von der Vorgangsweise Russlands in der Ukraine“. Mit der Sotschi-Reise vor wenigen Wochen habe das nichts zu tun: Zum damaligen Zeitpunkt habe eine andere Situation bestanden und im Nachhinein dürfe man das „nicht vermischen“. Das mag im Auge des Betrachters Faymann liegen, jedoch:

Schon vor der Krim-Krise hätten sich genügend Anlässe geboten, dem russischen Staat die Legitimation zu verweigern. Abseits der Menschenrechtsverletzungen stellt das Vorgehen der russischen Behörden in der Kaukasus-Region, etwa in Dagestan, genügend Angriffsfläche für einen Reiseverzicht dar.

Vor Wochen hatte Klug eine Sotschi-Reise gar als Beitrag zur Lösung erachtet: „Ich werde mich auf geeignete Art und Weise dafür einbringen, dass insbesondere Menschenrechte, Umweltschutz, Gleichberechtigung und Chancengleichheit für mich und ganz Österreich wichtige Grundwerte sind.“ Ein „Prellbock für die Sportler“ wollte er sein. Einer, der Sportlern die Mauer macht, „damit sich diese voll auf die Bewerbe konzentrieren können“. Bei den Paralympics macht Klug keinem die Mauer, das nachzuvollziehen fällt schwer. Wie entscheidet sich Gerald Klug wohl, sollten sich Österreichs Fußballer für die WM 2018 in Russland qualifizieren und er noch im Amt sein?


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