Gesellschaft

Soldatenleben im Ausnahmezustand: „Chancen auf Krieg stehen 50 zu 50“

Ukrainische Soldaten warten am Flughafen Sewastopol auf eine Änderung der Lage.
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Die ukrainischen Soldaten, die auf der Krim von russischen Soldaten belagert werden, fürchten eine Eskalation der Gewalt und Krieg.

Kiew – Es ist sieben Uhr, der Wecker klingelt, Oleksandr reibt sich den Schlaf aus den Augen. Für den auf der Krim stationierten ukrainischen Soldaten beginnt ein neuer surrealer Tag unter direkter Belagerung einer fremden Streitmacht. Seit rund einer Woche steckt der 27-jährige Flugzeugmechaniker auf seinem Stützpunkt Belbek am Militärflughafen von Sewastopol fest.

Bewaffnete russische Soldaten belagern die Militärstützpunkte auf der Krim.
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Seit russische Soldaten vergangene Woche in den Militärflughafen eindrangen, führt er ein Leben im Ausnahmezustand. „Normalerweise arbeite ich von acht Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags“, erzählt der junge Soldat. „Ich betanke die Flugzeuge“. Gemeinsam mit seiner Frau und seinem sechs Monate alten Baby lebt Oleksandr - in Friedenszeiten - außerhalb der Basis. „Doch seit die Russen kamen, schlafe ich in den Baracken“. Seine Familie bekommt er nicht mehr zu sehen.

Eines Morgens tauchten professionell auftretende Uniformierte neben dem Hangar mit den MiG-Kampfjets auf, in dem Oleksandr arbeitet. Sie trugen keine Abzeichen, doch der ukrainische Soldat ist sich aufgrund seiner Erfahrung sicher, dass es Kämpfer russischer Spezialeinheiten waren. Sein Vorgesetzter habe die ukrainischen Soldaten aufgefordert, jede Konfrontation zu vermeiden und sich in die Baracken zurückzuziehen, berichtet Oleksandr. Ihre Ausrüstung und die Landebahnen überließen sie dem russischen Militär.

Die Warterei verkürzen sich die Ukrainer mit Fußballspielen.
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Seitdem wird Oleksandrs Basis von russischen Soldaten umstellt, mit seiner geregelten Arbeit ist es vorbei. „Wir haben Wachdienst, keiner weiß, wie lange noch“, sagte er. „Immerhin lassen sie noch Lebensmittel durch“. Im Zwei-Stunden-Wechsel müssen der ukrainische Soldat und seine Kollegen über Nacht die verschlossenen Tore bewachen.

Während Oleksandr von seinem Leben im Belagerungszustand erzählt, stürmen rund hundert prorussische Aktivisten auf das Tor zu. Sie schwingen Fahnen und fordern, mit dem Chef der Basis zu sprechen. Auf Anweisung von dessen Stellvertreter, Kommandant Oleg Podowalow, nehmen die Soldaten in drei Reihen hinter dem Tor Aufstellung - betont friedlich, um jede Provokation zu vermeiden. Hinter einer Mauer, für die prorussischen Aktivvisiten nicht sichtbar, stehen sechs Soldaten in Schutzausrüstung und mit Schlagstöcken für den Ernstfall bereit.

Die Lage am Krim könnte jederzeit explodieren.
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Ein weißhaariger Mann in schwarzer Lederjacke beschimpft einen der in der vordersten Reihe stehenden ukrainischen Offiziere: „Unsere Großväter kämpften Seite an Seite mit der ruhmreichen Sowjetarmee - und nun lasst ihr euch auf Amerikas Spiel ein“, ruft er durch ein kleines Megafon. „Seid mutig. Spielt nicht nach den Regeln der Banditen, die in Kiew an der Macht sind!“ Der Offizier bleibt gelassen. Auch als die Demonstranten „Feiglinge! Feiglinge!“ skandieren, reagiert er nicht.

Nach einer halben Stunde ist die Demo zu Ende. Oleksandr bleibt zurück, er ist bitter: „Meine Eltern waren ebenfalls sowjetische Soldaten“, sagt er. „Mein Vater starb, als ich ein Bub war. Meine Mutter arbeitete als Ingenieurin beim Militär. Sie baute die Gebäude hier. Und diese Leute wollen mir eine Standpauke halten“. Als die Demonstranten weg sind, befestigt ein Soldat auf seinem Autodach einen Lautsprecher und dreht das Radio auf. Es ertönt „Katjuscha“, eine Hymne vom sowjetischen Sieg über Nazi-Deutschland.

Über die Möglichkeiten eines Kriegs mit Russland befragt, wiegt Oleksandr nachdenklich den Kopf. „Die Aussichten stehen 50 zu 50“, sagt er dann. Und fügt hinzu: „Ich mache mir Sorgen um meine Familie - aber wenn wir kämpfen müssen, dann werden wir kämpfen“. Derzeit aber werde die Basis nur von wenigen russischen Soldaten mit leichten Waffen belagert.

In 50 Kilometern Entfernung erstürmen Uniformierte ohne Abzeichen eine andere ukrainische Luftwaffenbasis. Sie durchbrechen das verschlossene Eingangstor - ziehen nach einer Weile aber wieder ab. Es fällt kein einziger Schuss. (APA/AFP)

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