Wagner und das Kapital: Der Reinfall der Saison
„Rein Gold“, Elfriede Jelineks Auseinandersetzung mit Wagners Ring, wird an der Berliner Staatsoper als Musiktheater gezeigt.
Von Jörn Florian Fuchs
Berlin –Für diesen Abend braucht man vor allem Sitzfleisch. Und belastbare Ohren. Und ein sehr starkes Nervenkostüm. Wenn sich Elfriede Jelinek allen Ernstes mit Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ befasst, dann kann man sich auf was gefasst machen! Und das Ergebnis ist dann so unfassbar, dass man ganz fassungslos wird. Man fasst es einfach nicht. So ungefähr wird in den knappen drei, sich zäh dahinziehenden Stunden gesprochen und gesungen.
Der Text stammt von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Die Protagonisten sind Wotan, Brünnhilde, drei Rheintöchter, drei Schauspieler sowie zwei Elektronik-Musiker und die üppig besetzte Staatskapelle Berlin unter Markus Poschner. Poschner hat in enger Zusammenarbeit mit Regisseur Nicolas Stemann Wagners Ring-Partitur bearbeitet. Zu hören sind vor allem Redundanzen, Überlappungen diverser Motive, plötzliche Brüche und häufiges elektroakustisches Zischen und Rumpeln. Zeitweise schweigt die Kapelle und überlässt Thomas Kürstner und Sebastian Vogel das Spielfeld. Selbige hantieren z. B. an einem hübsch altertümlich kratzenden, modularen Synthesizer. Mit Wagner hat dies dann kaum mehr zu tun, behauptet wird jedoch, dass der Gesamtkunstwerker Pate fürs Zischen und Rauschen stand. Irgendwann taucht noch ein recht abgewrackter Konzertflügel auf, dem David Robert Coleman eine Fülle von Improvisationen entlockt.
Überzeugend ist diese Mischung kaum, da fast nie plausibel wird, warum gerade jetzt dieses und darauf jenes Stück(chen) erklingt. Das Rheintöchter-Trio kräht gelegentlich dazwischen, gerne auch (bewusst?) an den korrekten Noten vorbei. Jürgen Linn brüllt sich als Wotan fast um den Verstand, einmal gelingt ihm jedoch Großartiges: Er müht sich mit der Diktion ab wie einst Placido Domingo auf dem Grünen Hügel, Wagner-Gesang mit heißer Kartoffel zwischen den Zähnen ist das – wunderbar! In Fragmenten erzählen Jelinek/Stemann über die unglückliche Nicht-Beziehung von Vater und Tochter, in ewigen Schleifen gibt es Vorhaltungen und Versöhnungsversuche. Alles läuft rasch ins Leere. Rebecca Teem singt das traurige Kind mit oft sehr maskulinem, scharfem Timbre.
Die Schauspieler lesen unterdessen Jelineks um Wagner und heutigen Neokapitalismus kreisendes Textkonvolut vom Blatt, mit offenbar gewollten Versprechern und nervösem Umblättern. Auf der Bühne sieht man die gerade im Umbau befindliche Staatsoper (gespielt wird derzeit ja im Schillertheater), als Reverenz an Frank Castorf und seine Volksbühne taucht irgendwann ein Wohnwagen auf, aus und in dem man eifrig filmt. Natürlich geht es bei einer so hippen, vermeintlich zeitgemäßen Inszenierung nicht ohne Videos und auch nicht ohne die Beteiligung des Publikums. Das wird plötzlich zum Aufstehen und wieder Hinsetzen genötigt, was es auch brav tut. Quasi ein Akt des Widersetzens war das, lachen die Schauspieler mit dem Textheft vor der Nase.
Um fair zu bleiben, es gibt ein paar nette Augenblicke, etwa wenn Markus Poschner Wagners Rheingold leicht verschrammelt und diese Wiener Kaffeehausmusik bald danach kräftig zerstückelt. Oder wenn Wotan nur noch Vokalisen orgelt. Doch insgesamt bleibt die Sache äußerst schal und uninspiriert.
Nicolas Stemann gilt vielen als Jelinek-Experte, der selbst aus dem hohlsten Kalauergewitter noch etwas herausholen kann. Leider gelingt ihm dies bei „Rein Gold“ nicht. Der Versuch, die Nicht-Handlung mit einer Prise Agitprop, mit roten Fahnen und sogar dem Pink Panther als Symbolfigur der mordenden, rechtsradikalen NSU-Bande gleichsam aufzupeppen, schlägt völlig fehl. Aber das Hauptproblem liegt unzweifelhaft bei Elfriede Jelinek selbst, die Wagners Ring-Libretto schlicht nicht genau gelesen oder verstanden hat. Ihr Text ist derart unterkomplex, dass man sich schon wundert, warum so etwas überhaupt publiziert wird und dann auch noch auf die große Opernbühne kommt.