Das heikle Leck im Trommelfell
Es muss kein Schlag oder eine Explosion sein – schon ein Wattestäbchen kann das Trommelfell perforieren. Das Leck heilt meist gut, doch manchmal hilft nur eine Operation.
Von Elke Ruß
Innsbruck –Das Trommelfell ist nur einen Zehntelmillimeter dünn, hat aber wichtige Funktionen: Die trichterförmige Membran im Gehörgang schützt das Mittel- und Innenohr vor Infektionen und dem Eindringen von Wasser und Fremdkörpern, erklärt Herbert Riechelmann, der Chef der Innsbrucker HNO-Klinik. Zudem hat sie eine „Schallverstärkungsfunktion“: Schallwellen versetzen das Trommelfell in Schwingungen, die werden von den Gehörknöchelchen im Mittel- zum Innenohr weitergeleitet.
Die Membran ist hochsensibel: Bereits eine leichte Berührung tut weh. Allzu schnell kann das Trommelfell durch direkte oder indirekte Gewalteinwirkung leck werden.
„Die häufigste Verletzungsursache ist ein Schlag auf das Ohr mit der flachen Hand, also eine Ohrfeige“, weiß Riechelmann. Öfter als Kinder seien Erwachsene betroffen, die im Zuge von Partnerschaftsstreitigkeiten verletzt werden oder z. B. bei einer Kollision am Fußballfeld. Auch ein auslösender Airbag kann wie ein Schlag auf das Ohr wirken und das Trommelfell schädigen. Viel öfter verhindere der Airbag aber schwere Gesichtsverletzungen, beruhigt er.
Ursache Nr. 2 sind Sprünge ins Wasser. „Solche Risse sind deshalb besonders ungut, weil kontaminiertes Wasser ins Ohr eindringt“, erläutert der Spezialist. Das erhöht die Gefahr von Entzündungen.
Man staune: „Die dritthäufigste Ursache sind Verletzungen durch Wattestäbchen. Was gar nicht so selten vorkommt: Man hat Wasser im Ohr, schiebt ein Stäbchen hinein, da klingelt das Telefon – und man hebt ab.“ Riechelmann warnt: Generell dürfe man die Stäbchen nicht zu tief in den Gehörgang einführen. „Gegen Wasser im Ohr hilft Föhnen!“
Nicht zuletzt kann hoher Schalldruck bei Explosionen – vom Silvesterknaller bis zum Sprengunfall – das Trommelfell bersten lassen. Gefährdet sind auch Schweißer, wenn Schweißperlen ins Ohr gelangen. „Das sind die hartnäckigsten Löcher, weil da alle drei Schichten von Haut, Bindegewebe und Schleimhaut durchglühen.“
Reißt ein Trommelfell beim Tauchen, dann habe „der Betreffende nicht gelernt, für den richtigen Druckausgleich zu sorgen. Oder es gab eine Vorschädigung, etwa feine Narben, wenn jemand als Kind häufig Mittelohrentzündungen hatte“, weiß der Arzt. Dringt in der Tiefe kaltes Wasser ins Mittelohr ein, entstehe Schwindel, weil die Innenohrflüssigkeiten in Bewegung geraten. „Vielleicht kommt es auch zur Panik – das kann problematisch werden.“ Deshalb sei beim Tauchen die ärztliche Voruntersuchung so wichtig.
Fliegen könne man mit einem perforierten Trommelfell problemlos, „weil jederzeit ein Druckausgleich möglich ist“.
Das Wichtigste bei einer Trommelfellverletzung sei, dafür zu sorgen, „dass kein Wasser reinkommt“. Oft heile der Riss spontan. Bei kreisrunden Löchern könne es aber vorkommen, dass ein Stück nach innen umschlägt. Dann müsse es der HNO-Arzt unter Lokalanästhesie bzw. einer kurzen Narkose „mit einem feinen Sauger umkrempeln und mit einer dünnen Silikonfolie fixieren“. Die Folie wird nach drei Wochen mit einem Sauger entfernt.
„90 Prozent der Perforationen verheilen spontan oder nach dieser Versorgung“, betont der Arzt. Bei einem von zehn Fällen brauche man eine Tympanoplastik unter Vollnarkose: Mit Zugang über das Ohrinnere wird ein kleines Stück Muskelhaut vom großen Kaumuskel entnommen. Dies wird innen unter das Trommelfell gelegt, wo es meist gleich gut anhaftet. Anfangs wird es noch mit einer aufgelegten Silikonfolie stabilisiert.
Teils führt ein massiver Schlag oder hoher Schalldruck aber auch zu Innenohrschäden: Ist das Gehörknöchelchen verschoben oder gebrochen, müsse man dieses – durch körpereigenes Knochenmaterial aus dem Ohr oder durch ein Titanimplantat – wieder herstellen.
„Bleibende Hörschäden durch einen Trommelfellriss sind selten“, beruhigt der Spezialist, sofern sie nicht durch das Schalltrauma entstanden sind. „Mehr als 90 Prozent erreichen ihr normales Gehör. Es kann aber ein Tinnitus oder Innenohrschaden zurückbleiben.“
Generell rät er, „Löcher im Trommelfell zumachen zu lassen, um Wassereintritt und Entzündungen vorzubeugen. Denn häufige Entzündungen führen auf Dauer zu einem Innenohrschaden.“