Literatur

Von wegen armes Hascherl

© Alexander Golser

Der Autor Erwin Riess sitzt im Rollstuhl und kann dadurch „der Wirklichkeit unter den Rock schauen“. Sein rasanter Kärnten-Krimi „Herr Groll im Schatten der Karawanken“ ist das diesjährige „Innsbruck liest“-Buch.

„Herr Groll im Schatten der Karawanken“ liest sich wie eine Abrechnung mit Kärnten. Gleich zu Beginn beschreiben Sie es als den „letzten politischen Jurassic Park Europas“.

Erwin Riess: Das war es auch. Ich lebe seit 2007 großteils in Kärnten und habe die so genannten Kärntner Verhältnisse genau studiert. Ich schrieb das Buch vor den Landtagswahlen im vergangenen Jahr. Noch einen Tag vor den Wahlen hätte ich nicht geglaubt, dass eine Wende möglich ist.

Wie waren die Reaktionen, als der Roman 2012 erschien?

Riess: Interessanterweise gab es nur zwei oder drei negative Reaktionen von Menschen, die mit Denunziation oder Zensur gedroht haben, aber eine überwältigende Anzahl an Zustimmung. Das Buch ist in Kopie in der Klagenfurter Staatsanwaltschaft kursiert. Es war ganz erstaunlich. Während des Schreibens ging ich davon aus, dass es ein Nischenbuch werden würde. Ein Abenteuerbuch über haarsträubende Zustände in einem österreichischen Bundesland.

Haben sich die so genannten Kärntner Verhältnisse denn seit der Abwahl der FPK so stark verändert?

Riess: Auf der politischen Ebene schon. Es gibt einen neuen Ton. Man atmet freier. Aber das Volkstumsgetue gibt es natürlich noch immer und dass es in Kärnten bis heute einen beachtlichen Teil der Bevölkerung gibt, den man als deutschnational und vor allem antislowenisch bezeichnen muss, lässt sich nicht leugnen. Diese vielleicht 25 Prozent werden auf absehbare Zeit ein politischer Faktor bleiben. Vor allem weil die wirtschaftliche Situation des Landes prekär ist. Es vergeht kaum ein Tag ohne Nachrichten von insolventen Unternehmen und neuen Arbeitslosen. Landeshauptmann Peter Kaiser hat ein schweres Erbe übernommen, aber in seiner etwas spröden, aber grundehrlichen Art arbeitet er so dahin. Und das ist schon mal nicht so schlecht. Auch wenn ich nicht mit allem, was er tut, einverstanden bin.

Zum Beispiel?

Riess: Im Bereich der Behindertenpolitik etwa zeigt die neue Regierung die alte klassisch paternalistische Haltung der Sozialdemokratie: Es werden Heime eröffnet, aber nicht auf wirkliche Integration gesetzt.

Auch mit Initiativen wie „Licht ins Dunkel“ gehen Sie in diesem Zusammenhang immer hart ins Gericht.

Riess: „Licht ins Dunkel“ ist die mächtigste Mitleidsmaschinerie, die ich kenne. Behinderte Menschen sind in der Konzeption der Sendungen aber nicht vorgesehen, sie haben kein Mitspracherecht. Das Bild, das von „Licht ins Dunkel“ produziert wird, halte ich für ein gefährliches. Es geht doch nicht um Mitleid, sondern darum, dass unsere Probleme ernstgenommen werden. Außerdem wird durch „Licht ins Dunkel“ die kalte Privatisierung der gesamten Behindertenhilfe unter enormem medialem Getöse vorangetrieben. Was früher in Kommunen oder Landtagen diskutiert wurde, wird heute mit dem Hinweis „Wendet euch an ‚Licht ins Dunkel‘“ abgespeist. Und das unter Mitwirkung des Behindertendachverbandes. Die Behinderten in freier Wildbahn haben davon aber wenig. Vielmehr müssen sie sich mit dem gängigen Bild der armen Hascherln, für die ständig gespendet werden muss, auseinandersetzen.

Eines der Themen Ihres Romans ist die ganz alltägliche Diskriminierung durch nicht-behinderten-gerechtes Bauen.

Riess: Das Problem ist, dass es in Österreich kein wirkliches Antidiskriminierungsgesetz gibt. Das Behindertengleichstellungsgesetz ermöglicht es zwar, eine Diskriminierung zu melden, aber es gibt keine Strafbestimmungen. Das Gesetz verlangt nur, dass die Diskriminierung festgestellt wird, aber der Tatbestand muss nicht beseitigt werden.

Verstehen Sie Ihre Texte als Fortführung Ihres Engagements für die Anliegen Behinderter?

Riess: Natürlich, das lässt sich nicht trennen. Es ist Teil meiner Welt. Ich würde mich selbst diskriminieren, wenn ich das verschweigen würde. Ich sitze seit meinem 24. Lebensjahr im Rollstuhl und musste lernen, dass sich die Blicke, die auf einen geworfen werden, verändern. Aber auch der eigene Blick verändert sich: Man sieht die Welt aus der Froschperspektive – und hat dadurch den Vorzug, der Wirklichkeit unter den Rock zu schauen. Allerdings muss man dann auch aushalten, was man zu sehen bekommt.

Hat es Sie überrascht, dass für „Innsbruck liest“ ausgerechnet ein Roman gewählt wurde, der mit einer Absage an das Alpine beginnt?

Riess: Nicht nur aufgrund meiner Rollstuhlexistenz bin ich eher ein Mensch der flachen oder hügeligen Teile Österreichs. Ganz glücklich bin ich, wenn es auch einen schiffbaren Fluss noch gibt. Und da trifft es sich ja wieder. Ich erkläre mir meine Wahl über die unterirdische Verbindung zwischen den Flussmenschen am Inn und meiner Donauexistenz.

Das Gespräch führte Joachim Leitner

Innsbruck liest 2014

Auftakt. Mit der traditionellen Startveranstaltung im Studio 3 des ORF Tirol beginnt am kommenden Mittwoch, 19. März, um 19.30 die 11. Auflage von „Innsbruck liest“.

Büchertische. Ab Donnerstag, 20. März, werden die insgesamt 10.000 Exemplare des „Innsbruck liest“-Buches an verschiedenen Orten in Innsbruck verteilt. Am 21. März können Sie sich Ihr Exemplar von „Herr Groll im Schatten der Karawanken“ im Foyer der Tiroler Tageszeitung sichern.

Rahmenprogramm. Am Freitag, 21. März, um 19 Uhr, findet im Freien Theater Innsbruck eine „Lesung im Dunkeln“ statt. Daneben steht ein „Deaf-Slam“ zum Thema „Barrierefrei“ in der bäckerei (23. März) sowie eine Lesung in der IVB-Zentrale (25. März) auf dem Programm. Am 24. März diskutiert Erwin Riess im Rahmen des Montagsfrühstücks ab 9 Uhr im Literaturhaus am Inn.

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