Bischof Manfred Scheuer: „Es geht nicht zuerst um Moral“

Innsbrucks Diözesanbischof Manfred Scheuer bringt uns den Menschen und Theologen Jorge Mario Bergoglio ein wenig näher.

Innsbrucks Diözesanbischof Manfred Scheuer (Mitte) im April des Vorjahres bei Papst Franziskus im Vatikan.
© Diözese Innsbruck

Was fasziniert die Menschen – selbst Kirchenkritiker – so an Papst Franziskus?

Bischof Manfred Scheuer: Sein Lebensstil und seine Art zu sprechen vermittelt den Menschen, dass er den alltäglichen Erfahrungen nahe und im Evangelium verwurzelt ist. Er vermittelt, dass er versteht und nicht verurteilt.

Was unterscheidet Papst Franziskus von seinem Vorgänger, dem emeritierten Papst Benedikt XVI.?

Bischof Scheuer: Die Sozialisation und die Spiritualität der beiden ist unterschiedlich, ohne das jetzt zu werten. Franziskus ist ignatianisch, das heißt, bei den Jesuiten sozialisiert. Er ist Jesuit durch und durch. Er hat eine offenere Haltung gegenüber den Leuten und gegenüber der gegenwärtigen Gesellschaft.

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In brennenden Fragen – wie etwa Empfängnisverhütung, Sakrament für wiederverheiratete Geschiedene oder Zölibat – hat Franziskus noch keine Reformansätze erkennen lassen. Will er daran überhaupt rühren?

Bischof Scheuer: Ich glaube nicht, dass er moralische Prinzipien auflösen oder liberalisieren will. Die Frage für ihn ist, welchen Stellenwert sie im Leben des Einzelnen, aber auch im Leben der Gemeinschaft haben. Er ist nicht einer, der verurteilt. Er möchte begleiten und weiterführen. Aber er will auch sehen, wo sind Wunden, wo ist Heilungsbedarf, wo ist Versöhnung notwendig. So verweist er stark auf das Sakrament der Buße und Beichte, vielleicht sogar stärker als sein Vorgänger. Ihm geht es um Barmherzigkeit, um Versöhnung noch viel mehr und letztendlich darum, dass Menschen ihren ureigenen Weg finden.

Die Vatikan-Umfrage hat ergeben, dass 71 Prozent der Gläubigen in Tirol sagen, sie halten sich nur zum Teil an die Lehre der katholischen Kirche. Das ist also kein Problem?

Bischof Scheuer: Es geht nicht um einen Bruch mit einer Lehre, die auch anders sein könnte. Es geht darum, wie Menschen menschlich ihre Versprechen, ihre Treue, ihre Liebe und ihre Lust leben können. Und darum, wie weh sie sich dabei manchmal tun. Es ist nicht so sehr die Frage, ob das jetzt der Kirche entspricht. Es geht um ein Verstehen und – dort wo es notwendig ist – auch um ein Korrigieren und Begleiten.

Beim Glauben geht es nicht zuerst um Moral. Diese Verkürzung wird dem Glauben in seiner vielfältigen Form nicht gerecht. Moral gehört dazu, aber Moral allein ist nicht Glaube. Franziskus setzt zudem stärkere soziale Akzente – auf Armut, auf Fragen von Flucht und Asyl und auf Wirtschaftsethik.

Ist seine Stimme laut genug, dass er da gehört wird? Kann er in einer Welt, die so sehr seinem Begriff von Wirtschaftsethik entgegengesetzt ist, überhaupt etwas bewegen?

Bischof Scheuer: Ich glaube schon, dass der Papst gehört wird. Aber es ist nicht so, dass alle „Jawohl, Heiliger Vater“ sagen, wenn er spricht. Gerade seine Worte in wirtschafts­ethischen Fragen sind in liberalen Kreisen nicht nur wohlwollend aufgenommen worden. Aber das war ja früher auch nicht anders. Wenn Päpste zum Frieden aufgefordert haben, wurden sie auch ignoriert, wenn nicht sogar verhöhnt.

Die Reform der Kurie treibt Franziskus intensiv voran. Auf wie viel Widerstand stößt er da kirchenintern?

Bischof Scheuer: Man muss schauen, was herauskommt. Dass es in der Kurie, aber auch zwischen den Kardinälen unterschiedliche Positionen, dass es Spannungen und teils auch öffentlich geäußerte Kritik gibt, ist ja offensichtlich. Ich sehe das als Zeichen der Lebendigkeit und hoffe, dass es konstruktiv vorangeht.

Das Gespräch führte Gabriele Starck


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