„Kapitalistischer Trash des 19. Jahrhunderts“
Mit Mut zur Selbstkritik, aber wenig Aussicht auf Veränderung wurden drei Jahre „Tirol Panorama“ begangen.
Innsbruck –Bis hin zum Bleistift mit dem Aufdruck „Tirols neuer Mittelpunkt“ aus dem Museumsshop des „Tirol Panorama“ reichte die kritische Auseinandersetzung beim dienstäglichen Symposium zu drei Jahren Bergiselmuseum. Man darf also durchaus behaupten: Das Haus ist fast bis in den letzten Winkel durchleuchtet worden. Wobei unklar bleibt, was das am Ende bringen wird: Was das Kaiserjägermuseum betrifft, wohl eher weniger. Dessen stures Festhalten am Erzählen einer „patriotischen Ruhmesgeschichte“ ruft auch bei Fachleuten arge Bedenken hervor, wie etwa der Vortrag von Ansgar Reiß, Direktor des Bayerischen Armeemuseums, zeigte. Bloß: „Die Kaiserjäger haben ein sehr starkes Recht auf inhaltliche Selbstbestimmung“, so Wolfgang Meighörner, Geschäftsführer der Tiroler Landesmuseen. Die Flexibilität sei gegenwärtig „in Nanometern messbar“, ergänzte Benno Erhard, Leiter des Projekts „Tirol Panorama“ aus der Landeskulturabteilung. Da gibt es (und gab es auch im Lauf der Projektplanung vor 2011) also nicht viel zu diskutieren. Diskutiert werden hätte im Rahmen des Symposiums aber wenigstens die Frage, wie so etwas unter dem Dach einer mit sehr viel öffentlichem Geld finanzierten Museums-Betriebsgesellschaft möglich ist.
Dennoch kann man dem „Tirol Panorama“ und seinen Machern nicht vorwerfen, sich nicht der Kritik gestellt zu haben. Man hat ihr ja auch einiges entgegenzusetzen: 424.534 Eintritte bis zum 6. März 2014 nämlich – und damit einen alle Erwartungen weit übersteigenden Publikumszuspruch. Plus touristische Vermarktbarkeit, nicht zu vergessen.
Als Gegengewicht hat man in dem von den Landesmuseen zusammen mit den Instituten für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie sowie Zeitgeschichte der Uni Innsbruck organisierten Symposium sogar die Rolle des „Bad Guy“ besetzt: Der an der Universität Zürich tätige Alpinkulturforscher und Museologe Bernhard Tschofen hat sie mit einer scharfsinnigen Analyse des im Museum vermittelten Geschichtsbilds bzw. der mangelnden Reflexion desselben glänzend ausgefüllt. Und Vorschläge gemacht, auf deren Umsetzung man zumindest hoffen darf: Eine mediengeschichtliche Auseinandersetzung mit dem zentralen Ausstellungsobjekt, dem Rundgemälde, gehört dazu. Sind die Panoramen des 19. Jahrhunderts doch auch als erste Massenmedien zu sehen und, wie das Innsbrucker Gemälde, auch zu Propagandazwecken eingesetzt worden. Der „Respekt vor diesem Exponat“ sei für ihn „nachvollziehbar“, so Tschofen. „Aber ich habe als Besucher auch das Anrecht zu erfahren, dass das kapitalistischer Trash des späten 19. Jahrhunderts ist.“
Auch das ist guter Stoff für Diskussionen, abschließend unter dem Titel „Vom Zankapfel zum Publikumsmagnet?“ geführt. Den unhinterfragten Mythos der „Behauptung Tirols“, das Fehlen einer Auseinandersetzung damit, „wie konstruiert eine Erinnerungskultur ist“ und die eindimensionale „politische Erzählung“ vom Trauma Tirols kritisierten dabei Historikerin Brigitte Mazohl und Journalist Benedikt Sauer. „Wir haben 2011 eröffnet, was möglich war“, erklärte Erhard. Potenzial für Erweiterungen sei da. Tirols Kulturlandesrätin suchte man sowohl im Publikum als auch auf dem Podium übrigens vergebens. (jel)