Stille Katastrophen mit Kriegsszenarien
Hubert Canavals Dokumentarfilm „Macht Energie“ über Strategien der Energiekonzerne läuft ab Freitag in Innsbruck.
Innsbruck –Der Dokumentarfilm „Macht Energie“ von Hubert Canaval nach Recherchen und dem Drehbuch der aus Innsbruck stammenden Journalistin Corinna Milborn beginnt mit spektakulären Bildern von einer Baustelle im kanadischen Alberta, wo ein amerikanischer Gaskonzern unter enormem Chemikalieneinsatz Schiefergas gewinnt. Vor einigen Jahren kaufte sich dort die Biologin Jessica Ernst eine Farm. Wenn sie jetzt Wasser aus einem Bach schöpft, kann sie sich mit einem Streichholz der Illusion des Flambierens hingeben, ein Schluck würde ihre Gesundheit gefährden. Ihre Klagen gegen das Unternehmen und die Regulierungsbehörde wurden vom Gericht abgewiesen.
Hubert Canaval: Die Regulierungsbehörde in Kanada wurde, wie wir dort gedreht haben, zu einem großen Teil von der Industrie finanziert. Jetzt wird sie zu 100 Prozent von der Industrie finanziert. Und das ist seltsam, dass eine solche Behörde von der Industrie abhängig ist. Das gibt ein sagenhaftes Bild ab, würde ich einmal sagen. Es wäre da wichtig, dass sich die Bürger in allen Ländern den Staat als Schutzmacht und als Institution, die die Interessen der Bürger vertritt, wieder zurückerobern. Gerade am Sektor Energie ist das absolut notwendig.
Der Arzt John O’Connor erzählt, wie er jahrelang für seine Zulassung kämpfen musste, weil er das alarmierende Ansteigen der Krebsraten öffentlich machte.
Canaval: Das finde ich eine der beeindruckendsten und für mich schrecklichsten Erfahrungen im Zuge dieses Films, in welchem Ausmaß da Leute gemobbt werden, wie man versucht, ihnen Schwierigkeiten zu machen und sie juristisch zu verfolgen. Wir haben da auch dramaturgisch ein Problem, weil man kann diese Geschichte nicht wieder mit jedem Protagonisten erzählen.
Das Muster wird deutlich.
Canaval: Es wird ja auch Jessica Ernst, die als Klägerin gegen Fracking kämpft, massiv verfolgt. Die wehrt sich und ist deshalb einer ziemlichen Kampagne öffentlich ausgesetzt.
Es gibt kein Statement der Regulierungsbehörde?
Canaval: Die Regulierungsbehörde hat gesagt, es ist unüblich ein Interview zu geben, wir sollen Politiker fragen. Aber was kann ein Politiker dazu sagen?
Es gibt ein einziges Statement eines Konzernmanagers, der ausgerechnet die russische Gazprom vertritt.
Canaval: Für mich war das auch bestürzend, dass die westlichen Konzerne uns gegenüber so intransparent agieren. Gut, jetzt kann man sagen, vielleicht waren wir zu unbedeutend für Shell oder Exxon Mobil, aber dass die OMV, ein angeblich österreichischer Konzern, für einen österreichischen Film kein Interview gibt, finde ich seltsam und dass es die Gazprom aber doch tut.
In der Arktis zeigen Sie ein Kriegsschiff, das sich als Forschungsschiff tarnt.
Canaval: Wenn über die Arktis gesprochen wird, ist nur zu hören, dass Ölbohrtürme gebaut werden und dass die natürlich eine Gefahr für die Umwelt sind. Was mich für den Film viel mehr interessiert hat, sind diese schleichenden Katastrophen, die nicht spektakulär sind. Die spektakulären Katastrophen schütten das Problem eher zu. Fukushima ist so weit weg, Deep Water Horizon ist so weit weg, da kann man auch sagen, das sind Einzelfälle. Was ich wirklich glaube, ist die Zerstörung, die alltäglich stattfindet, wo wir so scheibchenweise unsere Welt abgeschnitten bekommen. Da ist die Arktis so ein Thema, bei dem wir uns überlegen müssen, was wird da für eine Infrastruktur notwendig sein? Flughäfen, Tiefseehäfen, Pipelines, Öltanker, die dort fahren müssen, und was dort unterschätzt wird, ist das neue Wettrüsten, das teilweise schon begonnen hat. Man muss kein Schwarzmaler sein, aber allein dass das Eis schmilzt, dass neue Grenzen entstehen, verpflichtet die Staaten, diese Grenzen zu sichern. Die müssen das Militär aufrüsten und die müssen das so machen, dass die anderen Staaten das verstehen, aber das ist bereits jetzt so, dass es ein Problem wird.
Sie rechnen im Film vor, dass Atomkraft keine Lösung gegen den Klimawandel sein kann, ohne Fukushima zu erwähnen.
Canaval: Selbst wenn man die Atomkraftwerke verdoppelt, kann sie weltweit nur sechs Prozent des Energieaufkommens liefern. Das ist einfach eine geschickte Propaganda. In keinem Rechenmodell wird gesagt, was die Produktion von Uran kostet. Es ist ein unfassbares Drama, was sich allein in Niger oder in Australien beim Uranbergbau abspielt.
Im Epilog sind erneut alle Protagonisten zu sehen, bis auf wenige Ausnahmen erzählen sie von Resignation.
Canaval: Das ist wirklich deprimierend. Aber auf der anderen Seite muss ich schon sagen, dass die Begegnung mit diesen Menschen wie Jessica Ernst oder dem Dr. O’Connor, die mit einem derartigen Mut auftreten und diese Dinge auch in einer großartigen Einfachheit erklären können, dass das auch mir persönlich Mut gemacht hat.
Das Gespräch führte Peter Angerer