Zweifach gefilterte Wirklichkeiten
Der Maler als Fotograf – der Fotograf als Maler: Reiner Schiestl im Innsbrucker Fotoforum.
Von Edith Schlocker
Innsbruck –Was haben Aquarelle in einer Galerie für Fotografie verloren? Sehr wohl etwas, wenn diese wie in der neuen Ausstellung von Reiner Schiestl im Fotoforum mit Fotografien kombiniert sind, so dessen Hausherr Rupert Larl. Wo zwei in jeder Weise konträre Medien aufeinandertreffen: die uralte der Malerei und die relativ junge der Fotografie. Ein Medium, das vorgaukelt, die Wirklichkeit abzubilden und eines, das eine zwar von dieser inspirierte parallele Welt erschafft. Was im vorliegenden Fall beide verbindet, ist das Motiv.
Das bei Reiner Schiestl seit mehr als drei Jahrzehnten immer wieder die zentralspanische Landschaft ist. Die er allsommerlich malt bzw. fotografiert. Wobei für den Tiroler Künstler, der vor wenigen Tagen seinen 75. Geburtstag gefeiert hat, die Fotografie ein selbstständiges Medium ist und nicht etwa als mentale Krücke zum Malen seiner Aquarelle zu verstehen ist, die ausschließlich vor Ort, nie im Atelier, entstehen.
Die Aquarelle, die Schiestl im Fotoforum zeigt, sind groß, die dazwischen gehängten Fotografien klein. Was die unterschiedlichsten Seh-Abstände erzwingt, will man sich aktiv einlassen auf das Vorgeführte. Dieselben Motive finden sich zwar da wie dort, um doch völlig anders daherzukommen. Als Fotograf scheinen den Künstler besonders grafische Strukturen zu interessieren, die er in der durch das Licht geformten Landschaft oder auf Architekturen findet. Diese sind meist zerfallen, die Felder abgeerntet, die Welt menschenleer. Allein auf einer der Fotografien findet sich ein lebendiges Wesen in der Person des Künstlers, der sich voll Ironie von einem Freund als „Atlas“ ablichten lässt.
Die Aquarelle zeigen eine ebenso intellektuell wie emotional gefilterte Wirklichkeit. Ihre Farben, Formen und Strukturen sind abstrahiert, verdichtet zu stimmungsträchtigen Kürzeln. Wobei das Gemalte genauso wichtig wie das ist, was Schiestl am weißen Blatt freilässt.