Literatur

Weltliteratur aus der tiefsten Provinz

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In seinem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Roman „Vor dem Fest“ erschreibt sich Saša Stanišic´ ein neues Territorium.

Von Joachim Leitner

Leipzig –Nach Autor und Literaturkritiker Maxim Biller könnte man die Uhr stellen. In steter Regelmäßigkeit stimmt er lautstark den Abgesang auf die deutsche Gegenwartsliteratur an. „Schlappschwanzliteratur“, brüllte er schon vor Jahren seinen Berufskollegen entgegen, „systemkonformes Geschreibe“, „angepasstes Kunsthandwerk“. Zuletzt machte er in der Zeit Literaturinstitute, wie jenes in Leipzig, zum Hort alles Bösen: Dort würde angehenden Autoren der Mut ausgetrieben und Langeweile zum Lehrstoff. Selbst Schriftsteller mit dem vielzitierten Migrationshintergrund würden sich an diesem Bollwerk des Banalen die polyglotten Hörner abstoßen, doziert Biller und führt als Beispiel Saša Stanišic´ an. Dessen neuer Roman „Vor dem Fest“ sei schon deshalb irrelevant, weil er in der Uckermark, der tiefsten deutschen Provinz sozusagen, spielt und eben nicht – wie Stanišic´’ in 30 Sprachen übersetztes Debüt „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ (2006) – vom jugoslawischen Bürgerkrieg handelt. Mit Verlaub, größeren Mumpitz hat man im an Fragwürdigkeiten reichen literarischen Diskurs selten gehört: Schuster, bleib bei deinen Leisten, Migranten sollen gefälligst über Migration schreiben, Belgier über Pommes und Tiroler – schon klar – über Berge.

Nun hat sich Stanišic´ vor Niederschrift seines Romans nicht bei Biller erkundigt, ob Ort und Thema der ihm vorschwebenden Geschichte satisfaktionsfähig sind. Glücklicherweise. Nicht nur, weil der 1978 im bosnischen Višegrad geborene Autor für „Vor dem Fest“ am Donnerstag den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat, sondern weil gerade dieser Roman eindrücklich zeigt, wie fruchtbar es sein kann, wenn sich ein Autor ein neues Territorium erschreibt.

„Vor dem Fest“ spielt im (fiktiven) Kaff Fürstenfelde in der Uckermark, jenem ostdeutschen Landstrich also, der immer dann medial erwähnt wird, wenn von Landflucht, Arbeitslosigkeit und Neonazis die Rede ist. All das findet auch in Stanišic´’ Roman Platz, aber eben nicht nur das. In „Vor dem Fest“ kommt das Dorf selbst zu Wort, spricht in Wir-Form von Gegenwärtigem und Vergangenem, lässt die Geschichten, die im Dorfmuseum gesammelt werden, genauso Gestalt annehmen wie die Befindlichkeiten der jetzigen Bewohner. Diese sind ein reichlich skurriler Haufen, alle irgendwie versehrt. Aber Stanišic´ psychologisiert nicht, er sucht keine Pathologien. Er stellt dar, gibt seinen Figuren eigenständige und eigenwillige Stimmen. Der Stil barocker Chroniken wird genauso pa­rodiert wie der ganz alltägliche Sprachgebrauch. Hip-Hop trifft auf Grimmelshausen, das Volksmärchen auf den Feuerwehrchor Schall und Rauch (aktuelle CD: „We didn’t start the fire“) und Alteingesessenes auf Zugezogenes. So, möchte man Maxim Biller entgegnen, entsteht Identität. So verändert sie sich. Am Balkan genauso wie in der Provinz. Wer das langweilig oder gar irrelevant findet, hat es nicht verstanden und darf gern weitermotzen. Literatur lasse sich nicht „einsperren ins Ghetto der Migration“, sagte das österreichische Jury-Mitglied Daniela Strigl in ihrer Würdigung des frischgebackenen Buchmessenpreisträgers. Dem gibt es wenig hinzuzufügen: „Vor dem Fest“ ist ein Fest.