Liebesgrüße an die Lederjacke
Die „Rock meets Classic“-Tour legte erstmals in Tirol einen Stopp ein. Und entpuppte sich als verrockte Kaffeefahrt mit munteren Gästen. Die besten Bilder des Konzert-Highlights in der Olympiahalle gibt‘s in einer Fotostory.
Von Christiane Fasching
Innsbruck – Alice Cooper hat schwarze Ringe unter den Augen. Und über den Augen. Der Schockrocker schminkt sich eben gern – das war schon immer so und wird sich auch nicht ändern, nur weil er 66 Jahre auf dem Buckel hat. Die Zeiten mögen sich gewandelt haben, der Meister des Horrors hat’s nicht. Zumindest nicht auf der Bühne, wo er mit skurriler Selbstinszenierung punktet. Privat ist Vincent Damon Furnier längst ein Braver: Alkohol und Drogen hat er aus seinem Leben verbannt, mit seiner Frau ist er seit 37 Jahren glücklich verheiratet, selbst sein Golf-Handicap liegt im grünen Bereich. On Stage ist er aber kein Nice Guy – auch dann nicht, wenn ihm das edel aufgemaschelte Bohemian Symphony Orchestra im Nacken sitzt. So geschehen bei der „Rock meets Classic“-Tour, die am Mittwoch erstmals in Tirol Station machte. Und neben Alice Cooper auch Ultravox-Frontmann Midge Ure, Rainbow-Sänger Joe Lynn Turner, die Uriah-Heep-Kumpanen Bernie Shaw und Mick Box und 80er-Ikone-Kim Wilde in die Olympiahalle lockte. Doch trotz prominentem Line-up blieb das Echo enttäuschend: Nur knapp 2000 Fans folgten dem Ruf der Legenden, knapp die Hälfte der Sitzplätze blieb leer.
Ein Reinfall also? Nicht für die Besucher – die bekamen neben einer mitreißenden Show nämlich auch jede Menge Herzenswärme geboten. Oder um mit dem arg glatt gebügelten Joe Lynn Turner zu sprechen: „Love conquers all.“ Sprich: Liebe überwindet alles. Offenbar auch die Angst, im fortgeschrittenen Alter in Vergessenheit zu geraten. Oder in den Klamotten von damals komisch auszusehen. Wobei: Mit ihren weißblonden Wallemähnen und den bauchumspannenden Rocker-Hemden entlockten einem die Uriah-Heep-Mannen dann doch ein kleines Schmunzeln. Ob die Schöpfer von Ohrwürmern wie „Free Me“ oder „Lady in Black“ wissen, dass sie den schlagersingenden Amigos zum Verwechseln ähnlich sehen? Sei’s drum: Bernie Shaw hat auf alle Fälle noch jede Menge Lava in den Venen – wenn er abgeht wie eine Rakete, vergisst auch das Publikum jegliche Ladehemmung und lässt die Sau raus. Wie damals als Smartphones noch Zukunftsmusik waren und Kim Wildes Hit „Kids in America“ als Zeitgeist-Sound gefeiert wurde. Auch mit 53 Jahren ist die Eighties-Blondine noch immer ein Hingucker, ein Hinhörer sowieso – selbst wenn ihr in der Olympiahalle nach vier Nummern ein wenig die Puste ausgeht. Trotzdem ist’s atemberaubend, wenn die Disco-Queen von einst ausgelassen über die Bühne fegt und „You Keep Me Hangin’ On“ ins Publikum schmettert. Die großspurige, symphonische Begleitung schmeichelt ihren Songs. Und bringt die Lady im Rocker-Korb, die sich wie ihre Kollegen an den Lederjacken-Dresscode hält, zum Strahlen.
Und dann kommt er, Alice Cooper, der Star des Abends: Mit schwarz-rot gestreiftem Frack und nach unten gezogenen Mundwinkeln schreitet er bedächtig über die Bühne, aus der Feuerfontänen schießen – der Fürst der Finsternis steht eben auf bombastische Auftritte. Das Publikum wiederum steht auf Fürst Alice, der weiß, was von ihm erwartet wird: „Poison“ und „No More Mr. Nice Guy“ sind Pflicht, der schräge Tanz mit einer Vampir-Lady, die sich theatralisch in Coopers Arm verbeißt, ist dann wohl die Kür. Tosenden Applaus gibt’s für beides – es kann also auch in einer halbvollen Halle ordentlich brodeln. Bevor sich die Rocker im Hotel aufs Ohr hauen, wird dann noch einmal der ganze Tross zusammengetrommelt und gemeinsam „School’s Out“ angestimmt. Wie könnte man die „Rock meets Classic“-Tour wohl am besten umschreiben? Vielleicht als Mischung aus verrockter Kaffeefahrt und klassischem Skilager.
2015 kehrt die Tour nach Innsbruck zurück. Mit neuem Line-up. Die Altstars müssen auch mal rasten.
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