„Warum nimmt jemand ein Huhn mit zum Konzert?“

Beim Schlagwort Alice Cooper denkt man nur zu gerne an das bizarre Bühnenmonster, um dessen Hals sich echte Würgeschlangen räkeln, der auf der Bühne geköpft und gehängt wird und wieder aufersteht. Was für ein Hobby könnte eine Rock-Legende wie er haben? Schwertkampf? Schlangendressur? Weit gefehlt. Abseits des Rampenlichts ist der Rocker ein Romantiker, der beinahe etwas bieder wirkt, wenn er von seiner Golf-Leidenschaft plaudert ...

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Soll ich Sie Mister Cooper nennen – nach Ihrem Künstlernamen Alice Cooper – oder Vincent Furnier – so, wie Sie wirklich heißen?

Alice Cooper: Nenn mich Coop. Wer mich gut kennt, nennt mich Coop. Oder Alice.

Sie feierten Ende März den 38. Hochzeitstag mit Ihrer Frau Sheryl. Was ist Ihr Geheimnis – denn vor allem wenn ich bedenke, dass Sie beide früher quasi Stammgäste in Hugh Hefners Bunny-Villa waren, stelle ich es mir schwierig vor, zusammen jahrelang glücklich zu sein …

Cooper: Ich bin ein Romantiker, liebe es, meine Frau zu verwöhnen und habe sie nie betrogen – und sie mich nicht. Wissen Sie übrigens, wie wir uns kennen gelernt haben? Sheryl ist ausgebildete Ballerina. Vor knapp 40 Jahren hat sie sich bei mir als Bühnentänzerin beworben. Sie kannte mich nicht und meinte: „Und wann lerne ich diese Frau Alice Cooper kennen?“ (lacht). Wir zelebrieren unser heutiges Jubiläum auf unsere Art – auf der Bühne, umgeben von tobenden Fans und Gruseleinlagen. Sheryl tritt als Vampirballerina auf und wird von mir verprügelt – was natürlich nur Show ist. Dabei krabbelt sie über die Bühne und tut jedem leid – bis sie dann beim Lied „Only Women bleed“ ein Stück Fleisch aus meinem Arm beißt.

Wir sind aber auch abseits der Bühne ein perfektes Team. Sheryl und mich verbindet etwa, dass unsere beiden Väter Pfarrer und wir ziemlich religiös sind. Sie begleitet mich auch auf alle Tourneen. Ich hasse es nämlich, vor Auftritten im Hotelzimmer zu sitzen. Stundenlang wartend in einem Raum zu verbringen – das war eine der Ursachen, warum ich lange Zeit Alkoholiker war. Sheryl und ich gehen, statt herumzusitzen, jeden Tag mittagessen und shoppen. Ich besitze zum Beispiel mehr als 600 Hosen (lacht). Was meine Hobbys angeht, bin ich recht impulsiv.

Erklärt das, warum Sie ein Golfhandicap von zwei haben?

Cooper: Das kann man so sagen (lacht). Ich golfe jeden Tag. Ich liebe es.

Und wer zählt so zu Ihren Golfpartnern?

Cooper: Einige Rockstars, aber die spielen meistens nicht so gut (lacht). Aber auch Kevin Costner, Sylvester Stallone, Michael Douglas und viele mehr. Ich habe etwa grade heute vor dem Konzert gegolft – es geht wunderbar hier.

Denken Sie, dass sich Ihre glückliche Ehe auch positiv auf Ihre Kinder ausgewirkt hat?

Cooper: Absolut. Alle drei sind ganz untypische Rockstar-Kids. Sie hatten nie Drogenprobleme, wurden nie verhaftet. Sie wussten einfach, dass ihre Eltern zusammen glücklich sind und sich nicht scheiden lassen. Meine Tochter Sonora ist Make-up-Artist, Calico ist Schauspielerin und mein Sohn Dash hat eine Rockband. Er macht echt gute Musik.

Grundsätzlich sind Sie aber nicht besonders zufrieden mit den aktuellen Bands, denn kürzlich meinten Sie, dass Rock ‚n‘ Roll stetig dünner und dünner wird. Warum fällt es heute viel schwerer als früher, einen Hit zu schreiben, der dann 30 Jahre überlebt?

Cooper: Es ist falsch, dass junge Leute heute Volksmusik und Akkordeons spielen statt elektrischer Gitarren. Das geht gegen die Natur von Jugendlichen. Sie wollen eigentlich laut und wild sein. Darum besuchen auch heute junge Leute meine Konzerte. Sie sagen: „Der ist ein Außenseiter, so wie ich“ – und können sich mit Cooper sofort identifizieren.

Junge Bands haben heute kein Image, keinen Look – Kings of Leon oder Vampire Weekend – jedes Kind im Shoppingcenter sieht so aus wie sie und deren ganze Musik klingt gleich. Früher hörte man die Beatles, die Stones, Hendrix, The Who, Alice Cooper oder Led Zepplin – und wusste sofort, wer da singt. Die Lieder hatten Charakter.

Bestenfalls ein paar Mädchen heben sich positiv von der Masse ab: Shakira, Britney oder Beyoncé zum Beispiel. Die klatschen dir ihr Image bei jedem Auftritt ins Gesicht. Aber auch sie könnten viel mehr provozieren. Früher, in den 70er und 80er Jahren, habe ich auf der Bühne regelmäßig Zwangsjacken und echte Würgeschlangen getragen, wurde geköpft, gehängt und bin wieder auferstanden. Heute gibt es schon die ganz große Aufregung, wenn Lady Gaga in ihrem „Fleisch-Kleid“ bei einer Verleihung auftaucht. Ich habe ihr gesagt, wäre sie in meiner Show damit aufgetreten, hätte ich das Fleisch gegrillt und die Fans das „Kleid“ von ihrem Körper essen lassen (lacht). Sie fand die Idee übrigens super.

Lady Gaga ist eigentlich der Star, der mir heute am meisten ähnelt. Sie schreibt, singt und produziert ihre eigenen Songs – so wie ich damals. Sie ist die weibliche Alice.

Apropos Provokation: Es gibt den so genannten „Hühnchen-Zwischenfall“, der von den Medien ganz anders dargestellt wurde, als er sich ereignet hat. Was ist damals wirklich passiert?

Cooper: Habe ich einem lebenden Hühnchen den Kopf abgebissen? Ja, von wegen (lacht). Wollen Sie wissen, was damals wirklich passiert ist? Ein Fan hat 1969 ein lebendes Huhn auf die Bühne geworfen. Ich dachte: „Es hat Flügel, es hat Federn – dann wird es schon fliegen.“ Und warf es ins Publikum. 99 Prozent der Vögel fliegen. Ich meine, ich hätte ja keinen Vogelstrauß in die Menge geworfen. Aber das Huhn ist nicht wie erwartet davongesegelt, sondern auf den Boden geplatscht. Da haben die Fans es regelrecht zerfetzt.

Am nächsten Tag stand in den Zeitungen, ich hätte es quasi gefressen, ihm den Kopf abgebissen und sei ein Wahnsinniger. Blödsinn. Aber ich habe gelernt, dass solche Gerüchte mich nur populärer machen. Das Publikum liebt das. Sie wollen Alice sehen und sie wollen, dass Alice sich so benimmt.

Würde ich als Vincent Furnier auf die Bühne gehen, käme nicht ein Fan. Sie wollen keinen alternden Mann sehen, sie wollen Alice – laut, böse, brutal.

Die eigentliche Frage lautet aber: Warum nimmt jemand ein Hühnchen mit zum Konzert? Denkt er sich, „ich habe das Eintrittsticket, Geld und das Huhn, los geht’s!“?

Welche anderen Gerüchte ohne wahren Hintergrund ranken sich um Sie?

Cooper: Ach, es gibt Hunderte. In jeder Stadt, in der wir ein Konzert gaben, tauchte ein neues auf. Mit der Zeit habe ich sie regelrecht genossen. Ob das nun die Geschichte war, dass ich in einem Pub 2000 Dollar hingelegt und gesagt hätte: „Kauf all den Soldaten damit Drinks.“ Ich war nie in dem Pub. Aber wäre ich dort gewesen – vielleicht hätte ich es so gemacht. Warum also dementieren? Einmal sprach mich eine Frau an, dass ihr Vater bei mir Schlagzeuger gewesen wäre. Ich fragte, wie er heißt, und hatte den Namen noch nie gehört. Aber ich erwiderte: „Es war der geilste Schlagzeuger, den wir je hatten.“ (lacht) Denn vielleicht haben die beiden keine gute Verbindung zueinander und sie blickt nur aus diesem einen Grund zu ihrem Vater auf. Also warum Illusionen zerstören, die jemandem Freude bereiten und mir nicht schaden? Würdest du allerdings zu mir sagen, dass dein Freund bei mir Schlagzeuger ist, würde ich antworten: „Lauf!“ Denn der lügt sicher auch bei anderen Dingen.

Ihre Karriere begann als Sänger in der Band namens „Alice Cooper“. Als die Gruppe sich auflöste, übernahmen Sie den Namen und kreierten daraus die Person Alice Cooper, deren Solokarriere 1974 begann. Was denkt die Kunstfigur Cooper über das Original Furnier?

Cooper: Die beiden sind totale Gegensätze! Und das ist wichtig. Denn fast immer, wenn die Kunstfigur mit der realen Person verschmilzt, sterben beide. Bei Amy Winehouse war das der Fall und bei vielen meiner früheren Freunde – Kurt Cobain, Jim Morrison, Jimi Hendrix … Ich kenne Cooper, ich weiß welche Kleidung er am liebsten trägt, welche Schuhe, kenne seine Stimme und Bewegungen. Schließlich habe ich ihn ins Leben gerufen. Jedes Mal, wenn ich die Bühne betrete, werde ich zu ihm – zu meinem persönlichen Frankenstein. Ich übernehme seine Persönlichkeit. Cooper ist arrogant, selbstbezogen. Er ist geil darauf, vor Publikum zu stehen, und erinnert mich ein wenig an Moriarty – den fiesen Gegner von Sherlock Holmes. Cooper weiß allerdings nichts über mich. Gar nichts.

Weil Sie gerade Moriarty sagten – Sie sind schon in mehreren Hollywood-Filmen als Gaststar aufgetreten. Wäre Ihnen einmal danach zumute, eine größere Rolle zu übernehmen – etwa als Professor Moriarty in einem Sherlock-Film?

Cooper: Das wäre was! Ich liebe die Sherlock-Filme mit Robert Downey jr. und Benedict Cumberbatch jeweils in der Hauptrolle. Beide verkörpern den arroganten, weltfremden Soziopathen. Moriarty ist genauso – nur böse. Es wäre ein Traum, ihn eines Tages verkörpern zu können. Ihn oder einen Bond-Bösewicht. Am liebsten als Kontrahent von Tom Hardy, der nach Daniel Craig die Rolle von James Bond übernehmen wird. Das wäre ein Spaß! (lacht)

Das Gespräch führte Judith Sam


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