Ein Fest für Viren und Bazillen

In „Super-Hypochonder” quält sich Dany Boon durch eingebildete Krankheiten und die Revolution in Tscherkistan.

Europas bestbezahlter Kinostar Dany Boon als „Super-Hypochonder“.
© Filmladen

Von Peter Angerer

Innsbruck –Die Flucht des schwergewichtigen Dissidenten Gérard Depardieu in ein Steuerparadies im Osten Europas eröffnete im vergangenen Jahr auch eine heftige Debatte über die Rentabilität des französischen Kinos, das mit einem Jahresumsatz von zehn Milliarden Euro eine einzigartige Position einnimmt. Jedes Jahr werden in Frankreich etwa 280 Filme produziert, von denen jedoch nur fünf die Kosten wieder einspielen. Der Produzent Vincent Maraval („The Artist”) rechnete am Beispiel von Depardieus Gagenforderungen vor, dass selbst bei kommerziellen Produktionen wie „Asterix” an den Kassen nichts übrig bleibe, da die mit Film- und Steuerförderungen erzielten Gewinne auf die Konten der Stars wanderten. Dabei wurde auch enthüllt, dass Depardieu längst von einem anderen Star überholt wurde, denn der bestbezahlte Schauspieler Europas ist mittlerweile Dany Boon, der seit dem Kassenschlager „Willkommen bei den Sch’tis“ zehn Millionen Euro für eine Hauptrolle verlangen kann. 2008 genügte für das restliche Europa daher der Werbeslogan „20 Millionen Franzosen können nicht irren!” zur Verbreitung der fröhlichen Sprach- und Lebensgewohnheiten in der Provinz.

Für Dany Boons Nachfolgefilm „Nichts zu verzollen“ über den kleinen Grenzverkehr zwischen Frankreich und Belgien kauften 2011 immerhin noch zehn Millionen Franzosen eine Eintrittskarte, während Boons aufwändiger neuer Film „Super-Hypochonder” nur noch für fünf Millionen in diesem Frühjahr ein Muss war. Dabei ist Boon seinem Komik- und Erfolgsrezept treu geblieben.

Romain Faubert (Dany Boon) hat sich als Fotograf auf die Dokumentation bemerkenswerter Krankheiten für eine medizinische Enzyklopädie spezialisiert, aber auch nächtens blättert er sich mit einer Suchmaschine durch alarmierende Krankheitsbilder, die zu haarsträubenden Selbstdiagnosen führen. Für seinen Arzt Dimitri Zvenka (Kad Merad, der Postbeamte bei den Sch’tis) ist Faubert ein Albtraum, der ihn buchstäblich bis in den Schlaf verfolgt, da der Super-Hypochonder über seine Privatnummer verfügt. Norah (Judith El Zein), die Frau des Mediziners, ist längst bereit, für Faubert ihre Seite des Bettes zu räumen, als Psychotherapeutin deutet sie die Hypochondrie als den Hilfeschrei eines Einsamen. Doch Faubert ist für soziale Kontakte längst nicht mehr kompatibel, da hinter jeder Ecke Viren, Bakterien und Bazillen lauern.

Eine Stunde lang quält der Regisseur Dany Boon seine Figur (und uns) mit allen Erscheinungsformen eingebildeter Krankheiten, bis Dimitri die Nervensäge in ein Flüchtlingscamp mitnimmt, um ihn dort mit dem Ernst des Lebens vertraut zu machen. Trotz seiner harmlosen Erscheinung wird der schmächtige Fotograf mit dem tscherkistanischen Revolutionär Anton Miroslav verwechselt. Vor allem Dimitris Schwester Anna (Alice Pol) entpuppt sich als naive Stalkerin der Revolution, die scheinbar über eine erotische Anziehungskraft verfügt, die alle Infektionsängste überwiegt. Wie in allen seinen Filmen huldigt Dany Boon auch in „Super-Hypochonder” einem seltsamen Frauenbild, dem die Franzosen nicht mehr mit Begeisterung folgen wollen. Franzosen irren nicht.

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