Die Schönheit des Alexandriners

Philippe Le Guay lässt in „Molière auf dem Fahrrad“ seine Stars als Menschenfeinde wüten.

© Thimfilm

Innsbruck –Serge Tanneur (Fabrice Lucchini) war einmal ein großer Star des französischen Kinos. Nachdem er von einem mit ihm befreundeten Produzenten wegen einer Depression auf enormen Schadenersatz verklagt worden war, zog er sich verbittert in ein heruntergekommenes Haus auf der Île de Ré unweit von La Rochelle zurück. Gauthier Valence (Lambert Wilson) ist dagegen der Star der Stunde. Für eine Folge der Arztserie „Docteur Morange” nimmt er 200.000 Euro, eine Summe, die Serge den Atem raubt. Das kann auch an der desolaten Kanalisation liegen, denn der Aussteiger weigert sich, in sein Anwesen zu investieren, das außer Äpfeln nichts abwirft. Den Kamin befeuert Serge mit Drehbüchern, die ihm ahnungslose Regisseure noch immer zusenden. Daher möchte auch Gauthier nicht mit der Tür ins Häuschen fallen, weigert sich sogar in der Gästezimmer genannten Rumpelkammer zu nächtigen. Gauthier möchte eine Immobilie erwerben, doch die Preise auf der von Touristen geschätzten Insel des Königs sind gesalzen.

Irgendwann kommt doch der Moment der Wahrheit, in dem Gauthier enthüllt, sein Debüt als Theaterregisseur geben zu wollen, und das Vorhaben soll durch Serges Rückkehr auf die große Bühne gekrönt werden. Aber Serge ist nicht zum Zyniker und Misanthropen geworden, um sich der erstbesten Verführung hinzugeben. Man besichtigt also Häuser (ab 1,8 Millionen Euro), lernt die Italienerin Francesca (Maya Sansa) kennen, die ihre Villa aus Wut über eine gescheiterte Ehe verkaufen möchte, und irgendwann wird der Druck für Serge zu groß: „Welches Stück?“

Mit großer Geste knallt Gauthier Molières Komödie „Der Menschenfeind“ neben die Spezialität der Insel, auf der die Austern im Dutzend geschlürft werden. Als Genießer spitzt Serge die Lippen, denn „Der Menschenfeind“ ist Alceste und von Alceste kann Serge wie kein anderer behaupten: „C’est moi!“ Aber ein solches selbst mit der Geste des Pantomimen vorgetragenes Geständnis macht verwundbar, denn für Serge soll es statt des selbstgerechten Idealisten nur die Nebenrolle des Beschwichtigers Philinte geben. Da die Säle bereits gebucht sind, einigen sich die Schauspieler auf ein Rotationsprinzip. Doch vor der endgültigen Zusage verlangt Serge eine Leseprobe, die Leben und Schauspiel verknüpfen soll. Dabei verschluckt Gauthier gern eine Silbe, um den Gewohnheiten des jungen Publikums entgegenzukommen, während Serge die Schönheit des Alexandriners mit zwölf Silben liebt. Das ist so ziemlich das Aufregendste in Philippe Le Guays „Molière auf dem Fahrrad“, aber wie sich Fabrice Lucchini und Lambert Wilson in Reclam-Heftchen, wie man hier sagen würde, vertiefen können, ist ein Vergnügen. (p. a.)


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