Lichtungen für künstlich Neues

Start der Veranstaltungsreihe „Zwischen Architektur und Natur“ mit dem Vortrag des französischen Landschaftsarchitekten Christophe Girot im Innsbrucker aut. architektur und tirol.

Aus dem Aushub des Gotthardtunnels entsteht der Sigirino Hügel bei Lugano als künstliche Landschaft.
© Atelier Girot

Von Edith Schlocker

Innsbruck – „Bei Landschaftsarchitektur geht es nicht primär um Verschönerung“, räumt Christophe Girot gleich am Beginn seines Vortrags mit einem Vorurteil auf. Dem ersten in einer gemeinsam mit der Umweltanwaltschaft des Landes geplanten Veranstaltungsreihe zum Thema „Zwischen Architektur und Natur“. Landschaftsarchitektur habe dagegen sehr viel mit Methodik zu tun, so der ETH-Professor, mit einer immer raffinierter werdenden Technik, die er als Mitglied einer Generation, die noch mit Bleistift und Papier sozialisiert wurde, zwar selbst nicht beherrsche, in zehn Jahren aber gängige Praxis sein werde.

Dem, was sich an den Schnittstellen zwischen Stadt und Landschaft abspielt, wo das Urbane im architektonisch oft unschönen Nirwana verdämmert, gilt das Interesse des 57-jährigen Parisers. Das zu ändern, verlangt einen sensiblen Umgang mit dem jeweiligen Lebensraum, was auch das Wissen um seine Geschichte impliziert. Behandelt als „Lichtung, in der Neues entstehen soll“, so Girot, womit er voll und ganz die Zustimmung von Tirols Umweltanwalt Johannes Kostenzer findet, der sich selbst als „ökologisches Gewissen“ unseres Landes sieht.

Wobei für Girot Natur absolut nichts Unantastbares ist. Sei doch die Zeit der Urlandschaften – in unseren Breiten jedenfalls – längst vorbei, Landschaft seit Jahrtausenden von Menschen kontrolliert. Die Denkweise, wie wir heute Landschaft genauso wie Architektur planen, hat sich nach Ansicht des Vortragenden im Gegensatz zu früher allerdings fatal verflacht. „Und dementsprechend schaut unsere Landschaft und das in ihr Gebaute auch aus“, schimpft der gelernte Architekt. Um es bei seinen landschaftsarchitektonischen Projekten anders zu machen, indem er mittels Drohnen virtuelle Reliefs der betreffenden Gegenden erstellt, um diese völlig anders, sozusagen ganzheitlich, verstehen zu können. Etwa das Gelände rund um den St. Gotthard in der Schweiz, das auf diese Weise wunderbar durchlässig wird, indem Schnitte in sämtliche Richtungen, aus diversen Perspektiven, von nah und ganz fern möglich sind.

Drohnen liefern die Fakten für das Geländemodell der „Zimmermann Gärten“ in Brissago.
© Atelier Girot

Obwohl sich Girot als Poet outet, sieht er die Entwicklung unseres Umgangs mit der Welt komplett unromantisch. Vor 200 Jahren habe man etwa eine Woche gebraucht, um den Gotthardpass zu überqueren, heute fährt man in 15 Minuten durch ihn durch. Ohne die Landschaft real wahrzunehmen, was grundsätzlich unser Verhältnis zur Landschaft, zur Natur, verändere.

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Um trotzdem nicht den Glauben an „die Rückkehr zum Ort“ verloren zu haben, selbst wenn dieser ein künstlich gemachter ist. Wie beim Sigirino Depot, einem nach den Plänen von Girot aus dem Aushub des Gotthardpasses aufgeschütteten künstlichen Berg. Der immer ein Fremdkörper in der Landschaft bleiben wird und auch soll. Diese verändern soll. Am schwierigsten seien die Übergänge zwischen der natürlich gewachsenen und der künstlichen Landschaft, sagt Christophe Girot, besonders da der Druck der Öffentlichkeit groß sei, das Neue etwa durch die Vermeidung von Stützmauern und durch organische Geländeformen einigermaßen natürlich daherkommen zu lassen. Möglich war die Berechnung eines Projekts dieser Größe und Steilheit nur durch die von Drohnen gelieferten Zahlen und Fakten, wodurch verlässliche Modelle simuliert werden konnten. Wie eine ähnliche Aufgabe im Zusammenhang mit dem Aushub des Brennerbasistunnels in Tirol gelöst werden wird, wird sich zeigen.

Geländemodelle sind aber nicht nur in alpinen Landschaften, in denen das Vertikale eine zentrale Rolle spielt, eine große Hilfe. Sie sind genauso im flachen Holland höchst aufschlussreich, wie Christophe Girot mit seinen Studenten untersucht hat. Hier geht es wie in vielen anderen direkt am Meer liegenden Ländern bisweilen um das pure Überleben, um die Entwicklung von Deichen, die im Idealfall zur Landschaft werden.


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