Im Reich der vernebelten Sinne

In der verschachtelten Regie von Thomas Krauß wird „Woyzeck“ zum komplexen Puzzle, in dem aber nicht alle Teile zusammenpassen. In der Titelrolle brilliert Benjamin Schardt als Opfer, in dem ein Täter schlummert.

Von Christiane Fasching

Innsbruck –Das Handy vom Nebenmann leuchtet auf, zum fünften Mal in 90 Minuten. Fußball-Ergebnisse sind diesem Premierengast wichtiger als das Drama, das sich auf der Bühne des Großen Hauses abspielt – und nicht mit Toren endet, sondern mit dem Tod. Ist Georg Büchners „Woyzeck“ 101 Jahre nach seiner Uraufführung etwa so gestrig, dass man sich mit Bundesliga-Sidekicks bei Laune halten muss? Nein – der tragische Stoff geht einem noch immer an die Nieren. So wie es die Erbsendiät mit dem unterwürfigen Soldaten Franz Woyzeck tut – einem an und für sich guten Menschen, den die Umständ’ zum Mörder werden lassen. Der Gutes will und Schlechtes tut. Der Opfer und Täter in einer Person ist. Die Welt ist eben nicht schwarz-weiß, sondern leider manchmal dunkelgrau.

Die Inszenierung von Thomas Krauß’ eigens fürs Landestheater erstellten „Woyzeck“-Fassung beginnt mit einem starken Bild. An einer Schieferwand steht ein Märchen geschrieben, in niedlicher Schrift, wie sie nur eine Kinderhand hervorbringt. Doch Happy End hat die Geschichte vom armen Waisenkind, das seinen Platz auf Erden und im Himmel sucht, keines. Im Gegenteil: Die nihilistische Moral prophezeit immerwährendes Alleinsein. Kurz bevor Woyzeck (Benjamin Schardt) seiner Marie (Sara Nunius) ein Messer in den Leib rammt, wird die Großmutter die düstere Mär verbreiten. Doch bis dahin ist noch Zeit, nimmt das Drama an anderen Fronten seinen Lauf, geht’s auf der schrägen Bühne rund, wird buchstäblich ein Affenzirkus aufgeführt. Woyzeck bekommt eine Affenmaske verpasst und wird vom Ausrufer (Kristoffer Nowak) mit schwarzem Bajazzo-Kragen und schwarzer Clownsnase verhöhnt und vorgeführt. Die surrealen Sequenzen, die zwischen „Twelve Monkeys“ und „Clockwork Orange“ taumeln, zeigen die Welt als verrückten Jahrmarkt, auf dem Woyzeck wider Willen die Lachnummer ist. Doch es sprießen noch andere Welten aus dem Boden – Bühnenbildnerin Ursula Beutler konnte sich austoben: Plastikmüllsäcke bilden das unstete Fundament für einen wackeligen Untergrund, auf dem nicht nur Woyzeck ins Stolpern gerät. Dazu kommt eine Guckkasten-Bühne, die zur Wohnstube und zum Gasthaus taugt, in der aber oft nur die Hälfte des Geschehens zu sehen ist. Oder sieht man nur durch Woyzecks Augen? Schließlich werden dessen Sinne immer trüber, wird dessen Verstand immer breiiger, wie der Erbsen-Fraß, dem ihm der Herr Doktor (Thomas Lackner) zu Versuchszwecken vor die Nase setzt.

Rasant zappt Regisseur Krauß zwischen diesen Ebenen hin und her – mangelnde Dynamik kann man seinem „Woyzeck“ nicht nachsagen. Doch ob des steten Perspektivenwechsels, der von ächzendem Krächzen eingeläutet wird, weiß man streckenweise nicht mehr, wo einem der Kopf steht. Auch so manches Bild bleibt unklar: Wozu die Müllsäcke? Weil Woyzeck wie Abfall behandelt wird? Oder dient der trashige Aufputz doch nur als Hingucker? Auch die Omnipräsenz des in luftiger Höhe sitzenden Narren (Janine Wegener), der am Ende kurzzeitig die Großmutter-Rolle annimmt, will sich nicht ganz erschließen. Das dramatische Puzzle ist komplex, doch nicht jedes Einzelteil will ineinander greifen.

Wahnsinnig stark ist die schauspielerische Leistung: Benjamin Schardt spielt sich als Woyzeck glorios um den Verstand. Egal ob er entrückt seinen inneren Dämonen Gehör schenkt, entgeistert seiner Marie beim Fremdgehen zuschaut oder entfesselt zum ferngesteuerten Killer wird. Sara Nunius zeigt Marie indes als vielschichtigen Charakter, als Weibchen und Weib, als bigottes Muttertier und frivoles Luder. Thomas Lackner überzeugt als erfolgsgeiler Herr Doktor, in dem ein skrupelloser Scharlatan steckt, Jan Schreiber gibt dem überheblichen Hauptmann ein stichelndes Troublemaker-Profil mit auf den Weg – fantastisch ist ihr gemeinsamer, surrealer Marsch, der einem Magritte-Bild entliehen sein könnte.

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Stefan Riedl ist ein schneidiger Tambourmajor, ein Frauenheld, der um seine Wirkung auf das andere Geschlecht weiß. Etwas befremdlich: sein Kosaken-Schnauzer und die blaue Uniform, die Enterprise-Erinnerungen wachruft. Es wird eben auch in den Kostümen (Isabel Graf) mit den Möglichkeiten verschiedener Wahrnehmungswelten gespielt. Kristoffer Nowak, der mit entrücktem Spiel entzückt, stammt als exaltiert-clownesker Ausrufer da wohl aus dem Schelmen-Universum.

Krauß’ „Woyzeck“ ist vielschichtig und bietet schauspielerische Klasse – wirklich berühren will einen die Inszenierung aber nicht. Die Flut an Bildern und Spielebenen lässt einem die Augen über-, das Herz aber nicht aufgehen.


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