Robyns Leiden in der Wüste
Nach fünf vergeblichen Anläufen in 32 Jahren gelang John Curran die Verfilmung von Robyn Davidsons Weltbestseller „Spuren“ als faszinierendes Wüstenepos.
Von Peter Angerer
Innsbruck –Als James Cook 1770 Australien für seinen König mit der englischen Flagge absteckte, war die Insel angeblich unbewohnt. Tatsächlich lebten aber zwischen 300.000 und einer Million Aborigines auf der Pazifikinsel. Welcher Schätzung auch immer man sich nähern will, Anfang des 20. Jahrhunderts gab es nach Massakern und importierten Krankheiten (Pocken, Grippe) nur noch etwa 60.000 Ureinwohner, die noch immer auf ein Referendum zu ihrer Anerkennung als solche warten.
Da sich die Aborigines als ungeeignet erwiesen, als Sklaven für die Engländer den Kontinent zu erschließen, wurden um 1850 „Kamele mit ihren afghanischen und nordindischen Besitzern importiert. Sie übernahmen den Transport von Lebensmitteln und den Aufbau des Telegraphen- und Bahnsystems“, schreibt die australische Autorin Robyn Davidson in ihrem 1980 erschienenen Weltbestseller „Spuren“, in dessen deutscher Ausgabe von 2012 „native“ immer noch mit „Eingeborener“ übersetzt wird. Nach der Erledigung ihrer Frondienste wurden die Kamele in der Wüste „ausgewildert“, ihre Betreuer ihrem Schicksal überlassen.
1975 stieg jedenfalls Robyn Davidson, 25 Jahre alt, Studien und bürgerliches Leben hinter sich lassend, in einen Zug nach Alice Springs, um dort drei wilde Kamele einzufangen, um mit ihnen und ihrem Hund die Wüste zu durchqueren. Dieser Fußmarsch über 2700 Kilometer dauerte neun Monate und machte die Australierin drei Jahre später weltberühmt, denn ihr Abenteuer enthielt alle Leiden und Triumphe, die auch dem mythologischen Halbgott Herkules auf dem Weg zum Olymp zugestoßen waren. Doris Lessing überließ der Wanderin zur Niederschrift ihrer Wüstenerlebnisse die Londoner Wohnung, Bruce Chatwin, 1980 gerade mit seinem Reisebericht „In Patagonien“ berühmt geworden, saugte jedes Detail über die Aborigines aus Davidson, um seine „Traumpfade“ zu finden. Hollywood kaufte die Filmrechte, nach fünf bizarren Versuchen (unter anderem mit Nicole Kidman und Julia Roberts) kehrte das Projekt nach Australien zurück.
Regisseur John Curran lässt Robyn Davidson (Mia Wasikowska) als naive Stadtbewohnerin ankommen. Sie hat noch nie ein Kamel aus der Nähe gesehen und weiß auch sonst nicht viel über das Leben. Sie wird vom österreichischen Farmer Kurt Posel (Rainer Bock) um zwei Kamele betrogen, für die sie acht Monate gearbeitet hatte. Diese Hartnäckigkeit schätzt dagegen der Züchter Sallay (John Flaus), der Davidson in die für das Überleben wichtigen Geheimnisse der Wüste einweiht. Für die Reisespesen kommt das National-Geographic-Magazin auf, das für eine Fotoserie den Fotografen Rick Smolan (Adam Driver) schickt. Das letzte Hindernis auf dem Weg zum Ziel sind die „heiligen Stätten“, die eine Frau nur in Begleitung eines weisen Ureinwohners durchqueren darf. Diese Rolle übernimmt Mr. Eddy (Rolley Mintuma), der auch zu Davidsons Beschützer wird. Aus diesen kargen Vorgaben inszeniert John Curran mit aufregenden Bildern und der betörenden Mia Wasikowska das schönste Wüstenepos seit „Lawrence von Arabien“ – nur eben friedlich und übermenschlich feministisch.
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