„Sehend hören, hörend sehen“: Großer Staatspreis für Beat Furrer
Wien/Schaffhausen (APA) - Klang neu erlebbar zu machen sieht Beat Furrer als seine kompositorische Aufgabe, die Transformierbarkeit von Spra...
Wien/Schaffhausen (APA) - Klang neu erlebbar zu machen sieht Beat Furrer als seine kompositorische Aufgabe, die Transformierbarkeit von Sprache in Musik steht im Zentrum seines Schaffens. Als Mitbegründer des Klangforum Wien, Dirigent und Komponist zählt der nahe Wien lebende, gebürtige Schweizer zu den bedeutendsten Vertretern der Neuen Musik und erhält heuer den hoch dotierten Großen Österreichischen Staatspreis.
Geboren wurde Beat Furrer am 6. Dezember 1954 im Schweizer Schaffhausen. Nach der Übersiedelung nach Wien im Jahr 1975 studierte er an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst bei Roman Haubenstock-Ramati Komposition und absolvierte daneben Dirigierkurse bei Otmar Suitner. Die Frustration über unbefriedigende Aufführungsbedingungen für Neue Musik veranlassten ihn 1985 gemeinsam mit Viktor Liberda zur Gründung des Klangforum Wien, dem Furrer bis 1992 als künstlerischer Leiter und Dirigent eng verbunden war.
Das Naheverhältnis zwischen Furrer und dem dank ihm international renommierten Ensemble blieb; seine Werke werden regelmäßig gespielt, oft auch unter seiner Leitung. In seinem international hoch anerkannten Musiktheaterwerk übersetzt der Komponist Sprache in Klänge, beginnend mit dem 1989 im Rahmen von Wien Modern aufgeführten, ersten abendfüllenden Werk dieser Gattung, „Die Blinden“ nach Maurice Maeterlinck.
Anspruchsvolle Texte sind in Furrers Werken von großer Bedeutung, werden aber oftmals in Vokale, Silben zerlegt, bis die Sprache selbst nicht mehr auszumachen ist. Bei Ingeborg Bachmann im bejubelten „Wüstenbuch“ ebenso wie bei Ovid in „Narcissus“, Marguerite Duras in „Invocation“ oder Leonardo da Vinci im A-cappella-Zyklus „Enigma“.
„Die menschliche Stimme habe ich immer mehr in den Mittelpunkt meiner Arbeit gerückt, weil der Gesang viel über den Menschen aussagt, der ihn produziert“, erzählte er kürzlich im Interview mit der „Kleinen Zeitung“, „weil Qualität und Farbe des Klangs dabei unmittelbar sind und mir die Körperlichkeit im Musizieren - auch bei den Instrumentalisten übrigens - sehr wichtig ist.“ Da spielt der Kontrabassist schon mal in solchen Höhen, dass er sich tief vornüber beugen muss, die Flöte wird zum Asthmabeutel und das Klavier eher an den Saiten und Hämmerchen als an den Tasten bedient. Doch auch Stille hat bei Furrer ihren Platz, ebenso wie das Verharren, das Innehalten und das Erstarren. „Jedes Verklingen eines Tones ist bereits ein Drama für sich“, sagt er.
Viele Projekte arbeiten auch mit einer räumlichen, visuellen Ebene. Wien Modern widmete Furrer 2005 ein Porträt und setzte u.a. „AB“ aufs Programm, wo der Komponist sein 3. Streichquartett in den Kontext eines optisch-akustischen Raumes mit einer Bilderserie des Salzburger Malers Hanns Kunitzberger stellt. „In dem Zusammentreffen verschiedener Medien muss ein Gleichgewicht herrschen“, erläuterte er damals im APA-Interview. „Es geht darum, dass das eine das andere wahrnehmbar macht: Sehend hören, hörend sehen.“
Neben seiner Tätigkeit als Komponist tritt Furrer auch als Pianist, Dirigent und Professor in Erscheinung. Seit 1991 lehrt er Komposition an der Kunstuniversität Graz, seit 2006 hat er eine Gastprofessur an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main inne. Er könne auf nichts von alledem verzichten, sagte er einmal der APA, auch der Austausch mit seinen Studenten sei „oft anregend“. Das Komponieren stehe dabei jedoch „immer im Zentrum“.
Derzeit arbeitet Furrer an zwei neuen Musiktheatern: In Hamburg soll im Mai 2015 eine Oper über den italienischen Dichter Dino Campana unter der Leitung von Simone Young zur Uraufführung gelangen. Und 2017 steht an der Staatsoper Berlin ein von Filmemacher Andrei Tarkowski und Autor Stanislaw Lem inspiriertes Werk über das Fremdwerden einer vertrauten Sache auf dem Programm.
Kommentare