Gesundheit

Wenn das Phantom schmerzt

Viele Menschen leiden nach einer Amputation unter Phantomschmerzen. Mit frühzeitigen Therapien kann man das Gehirn austricksen und den Schmerz verlernen.

Von Theresa Mair

Innsbruck – Immer wieder schlägt der Blitz im linken Arm von Hans Lausegger ein. Seine Finger verkrampfen sich. Er versucht sich zu entspannen, damit sich die Muskeln wieder lösen können. Dann wieder durchzuckt ihn ein stechender Schmerz, als hätte er sich den Ellbogen angeschlagen. „Sie rufen genau zur richtigen Zeit an. Die ganze Nacht haben mich wieder diese Schmerzen geplagt“, sagt der Klagenfurter am Telefon. Er spricht von seiner „Phantomhand“. Vor 17 Jahren hat Lausegger bei einem Unfall seinen linken Arm verloren, nur ein 15 Zentimeter langer Stumpf ist ihm geblieben – und Phantomschmerzen.

„50 bis 80 Prozent der Menschen leiden nach einer Amputation an Phantomschmerzen“, weiß Anästhesist Eugen Ladner vom Bezirkskrankenhaus Reutte. Die Betroffenen berichten von ziehenden, brennenden, stechenden, bohrenden, blitzartigen Schmerzen oder massiven Krämpfen, die sie im nicht mehr vorhandenen Körperteil wahrnehmen. Das passiere bei der Amputation von Gliedmaßen, aber auch nach der Entfernung einer weiblichen Brust und sogar infolge einer Blinddarmoperation.

Oft würden Stumpfschmerzen mit Phantomschmerzen verwechselt. Doch Stumpfschmerzen treten am Ende des Restorgans auf. Auch das kennt Lausegger: „Es fühlt sich an wie tausend Nadelstiche. Bei kaltem Wind, wenn ich nach dem Schwimmen nicht aufpasse oder in einem zugigen Auto sitze, dann verkühlt sich der Stumpf sofort.“

Die Vorstufe von Phantomschmerzen sind Phantomgefühle. Dabei würden Menschen den fehlenden Körperteil wahrnehmen, als ob er noch da wäre – nur kürzer oder kleiner. „Das Phantomgefühl ist eine Missempfindung. Frauen sagen dann häufig, ihre Brust sei verrutscht. Sie nehmen sie an einer anderen Stelle wahr“, beschreibt Ladner.

Prinzipiell könne man sagen: „Je peripherer die Amputation stattfindet, desto seltener treten Phantomschmerzen auf“, so Ladner. Es kann also einen Unterschied machen, ob der kleine Zeh plötzlich fehlt oder der ganze Oberschenkel weg ist. Mit der Zeit würden sich die Schmerzphasen verändern, seltener werden und mitunter auch verschwinden. Die Voraussetzung dafür sei aber, dass sie frühzeitig gut therapiert würden.

Phantomschmerzen sind kein eingebildeter Schmerz. „Alle Körperteile sind in gewissen Gehirnwindungen abgebildet. Da der menschliche Körper nach Vollkommenheit strebt, stört es das Gehirn, wenn aus einem Fehlkörperareal keine Gefühlsregungen mehr geschickt werden. Nach einer Amputation geschieht eine Umorganisation im Gehirn. Diese kann bewirken, dass eine Berührung im Gesicht nicht nur im Gesicht wahrgenommen wird, sondern auch im fehlenden Körperteil als Schmerzen“, erklärt der Mediziner.

Doch es gibt Behandlungen wie die Spiegeltherapie, mit deren Hilfe das Gehirn reorganisiert werden soll. Ein Spiegel wird zwischen das gesunde und das fehlende Körperteil gestellt, sodass sich die Bewegungen des vorhandenen Organs spiegeln. „So trickst man das Gehirn aus und spiegelt ihm vor, dass ein gesundes Bein vorhanden ist. Die Menschen verlernen die Schmerzreaktion“, so Ladner. Es gebe auch schon virtuelle Ansätze, bei denen Geräte an den Stumpf gehängt, die Bewegungen aber mit dem gesunden Körperteil gemacht würden. „Es ist wie bei den PC-Spielen. Man täuscht sich eine virtuelle Realität vor“, sagt Ladner.

Elektroden, die am Stumpf angebracht werden und so dem Hirn Input geben, Stumpfmassagen und Akupunktur seien weitere unkomplizierte Methoden, um dem Patienten zu helfen. Auch Nervenblockaden können eine Option sein. Wenn das keinen Erfolg bringt, könne man die Implantation von Sonden ins Rückenmark oder ins Gehirn in Erwägung ziehen, um die Schmerzverarbeitung zu verändern. Vor allem aber sei es wichtig, von Anfang an die Schmerzen niederzuhalten. „Das beginnt schon mit einer guten Narkose und geht mit rechtzeitiger Therapie unmittelbar nach der Operation weiter“, sagt Ladner. Nach der Amputation werde das Hormon Calcitonin verabreicht, Antidepressiva und Antiepileptika würden die Schmerzverarbeitung beeinflussen. Lausegger hat seine Schmerzpumpe exakt alle 20 Minuten gedrückt. „Daher habe ich heute relativ selten Phantomschmerzen“, ist er überzeugt.