1914/2014 - Kriegsgefangene: Ein Millionenheer mit hohem Blutzoll
~ --------------------------------------------------------------------- KORREKTUR-HINWEIS In APA060 vom 15.04.2014 muss es im letzten Absatz...
~ --------------------------------------------------------------------- KORREKTUR-HINWEIS In APA060 vom 15.04.2014 muss es im letzten Absatz, dritter Satz, richtig heißen: „... wo bei einer ähnlichen Aktion im darauffolgenden Jahr UMGERECHNET 20 Millionen Kronen“ (NICHT: „200 Millionen Kronen“) --------------------------------------------------------------------- ~ Innsbruck (APA) - Der Erste Weltkrieg setzte auch neue Maßstäbe bei den Kriegsgefangenen. Sieben bis neun Millionen Soldaten gerieten während des vierjährigen Krieges in Gefangenschaft. Obwohl es internationale Abkommen über ihre Behandlung gab, war ihr Schicksal vielerorts prekär, berichtet der Innsbrucker Historiker Matthias Egger im APA-Gespräch. So starb fast ein Fünftel aller Kriegsgefangenen in Russland.
2,1 Millionen Soldaten Österreich-Ungarns kamen zwischen 1914 und 1917 in russische Kriegsgefangenschaft. „Man rechnet, dass 400.000 bis 470.000 Kriegsgefangene in Russland gestorben sind, das sind 18 bis 20 Prozent“, sagt Egger. Diese Quote sei weit höher als in anderen Ländern. In Österreich-Ungarn seien zehn Prozent der Kriegsgefangenen ums Leben gekommen, in Deutschland fünf Prozent und in Großbritannien nur drei Prozent.
Die Zahl der Gefangenen habe alle kriegsführenden Mächte überfordert, Russland aber ganz besonders. An der bewegteren Ostfront habe es nämlich wesentlich mehr Kriegsgefangene gegeben als an der eher statischen Westfront. So seien allein in der Brussilow-Offensive Mitte 1916 innerhalb von drei Monaten rund 350.000 österreichisch-ungarische Soldaten in russische Gefangenschaft geraten, berichtet Egger. Die Zahl der Kriegsgefangenen sei auch durch die mangelhafte Truppenführung der österreichisch-ungarischen Armee in die Höhe getrieben worden. Auch soll es Massendesertionen von slawischen k. u. k.-Soldaten gegeben haben, doch werden entsprechende Berichte durch neuere Forschungserkenntnisse bezweifelt.
Die Kriegsgefangenen seien vor allem an Seuchen in den Lagern gestorben, aber auch in Kämpfen. Einige zehntausend griffen für die Zarenarmee zu den Waffen, und später im Bürgerkrieg für die Bolschewiken oder deren Gegner, die Weißen. Freilich taten dies nicht alle freiwillig, es gab auch Zwangsrekrutierungen.
In den russischen Gefangenenlagern herrschten teilweise unmenschliche Zustände. So habe eine österreichische Rot-Kreuz-Schwester von einem Lager in Jekaterinburg berichtet, wo den Gefangenen „Ratten über das Gesicht gelaufen sind und sie bei lebendigem Leib von Flöhen und Läusen zerfressen wurden“, sagt Egger. Anders als die Mittelmächte zog Russland die Gefangenen erst relativ spät - im Jahr 1916 - in großem Stil zum Arbeitsdienst heran. Vor allem auf Bauernhöfen waren die Lebensbedingungen besser als in den Lagern. Jene Gefangenen, die in der Industrie, dem Straßenbau oder in Frontbereich eingesetzt wurden, kamen dagegen „vom Regen in die Traufe“.
Ein besonders hartes Los hatten die deutsch- und ungarisch-sprachigen Gefangenen, die meist in Sibirien oder Turkestan interniert worden seien. Russland habe die Gefangenen nämlich nach Nationalitäten getrennt. „Man hat versucht, solche Nationalitäten zu bevorzugen, denen man eine Nähe zu Russland oder zumindest eine Gegnerschaft zu den Mittelmächten unterstellt hat“, erläutert Egger. So seien etwa Tschechen, Italiener oder Elsässer vorwiegend im europäischen Teil Russlands interniert worden.
Entgegen den völkerrechtlichen Bestimmungen seien diese potenziell mit Russland sympathisierenden Gefangenen auch systematisch abgeworben worden. „Insgesamt sind 120.000 bis 130.000 Soldaten der Mittelmächte abgeworben oder rekrutiert worden“, berichtet der Historiker. Die Hälfte davon habe in der tschechischen Legion gedient, der Rest in serbischen und italienischen Einheiten. Die militärische Bedeutung dieser Verbände sei aber „eher schwach“ gewesen, da viele sich nur anwerben ließen, um sich in ihre Heimat durchschlagen zu können. Außerdem hätten sich auch loyale österreichisch-ungarische Offiziere in diese Einheiten gemischt und Gegenpropaganda betrieben.
Der Zusammenbruch des Zarenreiches im Jahr 1917 stürzte auch die Kriegsgefangenen ins Chaos. Die Bolschewiken, die Anfang 1918 einen Separatfrieden mit den Mittelmächten schlossen, überließen die Kriegsgefangenen ihrem Schicksal. Sie waren formell frei, doch konnten viele von ihnen nicht in ihre Heimat zurückkehren. Dies galt insbesondere für die rund 400.000 Kriegsgefangenen in Sibirien, das weiterhin von den „Weißen“ und der mit ihnen verbündeten tschechischen Legion kontrolliert wurde.
So wurden viele Kriegsgefangene auch in den Russischen Bürgerkrieg hineingezogen und griffen wieder zu den Waffen - entweder für die Bolschewiki oder für ihre bürgerlichen Gegner. Zum Teil seien revolutionäre Kriegsgefangene auch gegen ihre eigenen Offiziere vorgegangen. Der Historiker schätzt, dass ein Gutteil der 470.000 toten Kriegsgefangenen auf diese Kämpfe zurückgehe. Erst im Jahr 1922 erklärte die neue Republik Österreich die Rückkehr der Kriegsgefangenen für abgeschlossen.
Während des Krieges waren die Gefangenen auch ein Seismograph für den Zustand der Donaumonarchie gewesen. Ein „einschneidendes Erlebnis“ für viele Kriegsgefangene war etwa der Tod von Kaiser Franz Joseph Ende 1916, berichtet Egger. Viele Soldaten gaben in ihren Aufzeichnungen an, „dass sie mit dem neuen Kaiser (Karl) nichts anfangen können“.
Zugleich zeigte sich im Umgang mit den eigenen Kriegsgefangenen schon früh, wie weit der „Entsolidarisierungsprozess“ innerhalb der Monarchie schon fortgeschritten war. Im Jahr 1915 kamen bei einer zentralen Sammlung für Kriegsgefangene nur 200.000 Kronen an Barspenden und 375.000 Stück Sachspenden zusammen. „Das war eher mager“, sagt Egger mit Blick auf Deutschland, wo bei einer ähnlichen Aktion im darauffolgenden Jahr umgerechnet 20 Millionen Kronen gesammelt wurden. Der Grund war nicht nur die materielle Not der einheimischen Bevölkerung, sondern die Tatsache, dass sie bewusst eher lokale Initiativen für die jeweils „eigenen“ Kriegsgefangenen unterstützt habe, so etwa in Tirol und Salzburg.
(Das Gespräch führte Stefan Vospernik/APA)
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