Kunst

Wie man zwei Elefanten füttert

Gespräch mit dem Pianisten und Intendanten Markus Hinterhäuser über das Bach-Spiel, kulturelle Werte, zeitgenössische Kunst und die gefährlichen finanziellen Engpässe der Veranstalter.

Innsbruck –Der Pianist Markus Hinterhäuser ist gegenwärtig Intendant der Wiener Festwochen und ab 2017 Intendant der Salzburger Festspiele, wo er schon vor der Ära Pereira in leitender Funktion erfolgreich war. Zum Osterfestival Tirol kehrte er nun zu einem denkwürdigen Konzert mit Werken der Komponistin Galina Ustvolskaja mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja zurück. Für die Wiener Festwochen programmierte er vier Ustvolskaja-Konzerte (31. Mai und 1. Juni), in denen er als intimer Kenner den Klavierpart übernimmt. Ebenso bei Schuberts „Winterreise“ in einer visuellen Konzeption von William Kentridge mit Bariton Matthias Goerne.

Bedeuten die Ustvolskaja- und Schubert-Abende wieder eine verstärkte Hinwendung zum Klavier?

Markus Hinterhäuser: Wenn man einmal berührt wurde, kann man eine Zeitlang Ruhe einkehren lassen, aber für mich wurde es wieder stark präsent, weil bei den Wiener Festwochen das Gesamtwerk von Ustvolskaja aufgeführt wird. Da geht es wieder um die Gedankenspiele: Was tun wir eigentlich mit der Musik, die uns zur Verfügung steht und mit den Dingen, für die man sich verantwortlich fühlt?

Werden das Ihre letzten Auftritte als Pianist bei den Wiener Festwochen sein?

Hinterhäuser: Ich plane nicht, mich bei den Festwochen oder in Salzburg als Pianist weiter einzubringen. Es wird auch eine Zeitfrage sein, ich bin sehr beansprucht mit diesen beiden Elefanten, die wollen gefüttert und bewegt werden.

Ihr pianistisches Ich will nicht gefüttert werden?

Hinterhäuser: Ich habe kein Problem damit, nicht zu spielen, es gibt da keinerlei Überambition. Es ist auch schön, Menschen zu bitten, zu spielen. Wenn ich jetzt alleine bin, spiele ich Bach, das ist für die Finger gut, für den Kopf gut, für mein Gemüt gut.

Haben Sie die Wiener Festwochen für die nächsten drei Jahre Ihrer Verantwortung durchprogrammiert?

Hinterhäuser: Nein. Ich weiß genau, was 2015 im Musikbereich sein wird, auch 2016 ist in den großen Projekten auf Schiene, aber bei den Wiener Festwochen kann man sehr unmittelbar reagieren auf das, was so passiert. Sie sind nicht primär ein produzierendes Festival wie Salzburg. Das erlauben weder die finanziellen noch die strukturellen Gegebenheiten. 70 Prozent sind Dinge, die man in der Welt sieht und bereichernd für Wien findet. Die Salzburger Festspiele sind ein völlig eigenes, produzierendes Festival mit einer ganz anderen Ausstattung und anderer Gestik.

Wie viele Stars braucht Salzburg?

Hinterhäuser: Salzburg hat immer Stars gebraucht und gegen Stars habe ich überhaupt nichts, denn sie sind meistens sehr gut. Die Frage ist nur, welchen Umgang man damit findet.

Gegenfrage: Wie viel Moderne verträgt Salzburg?

Hinterhäuser: Ich kann das programmieren, aber man kann keine Quote herstellen. Ich glaube, man darf sich diese Frage nicht mehr stellen. Was wir als modern bezeichnen, gehört genau so zu uns; was immer auch geschrieben wird, entsteht ja in einem musikhistorischen und gesellschaftlichen Kontext. Salzburg wird nicht Donaueschingen sein, aber man läuft Gefahr, ein Problem zu schaffen, das möglicherweise gar nicht existiert. Natürlich weiß ich, dass zeitgenössische Musik schwerer zu verkaufen ist als „Carmen“ und „Zauberflöte“. Aber ein Festival folgt einem inneren Rhythmus, und der lässt sehr viel zu für das Publikum und auch in den Kommunikationsmöglichkeiten.

Aber die Materie ist nicht leicht.

Hinterhäuser: Alles, womit wir uns beschäftigen, ob das zeitgenössische Musik ist oder Monteverdi oder eine Bruckner-Symphonie, ist eine schwierige Materie. Wir sollen nicht glauben, wenn wir uns eine Tonfolge merken können, dass es per se einfacher ist. Wir werden niemals „massenkompatibel“ sein. Herausforderung an sich ist ein Wert, und womit wir uns beschäftigen, gehört so wesentlich zu unserem Leben, unserer Identität, unserer Kultur – wir sollen es nicht vereinfachen. Es ist schwer, aber nehmt es an, stellt euch den Schwierigkeiten, schließt Freundschaft damit und es wird wichtig sein.

Sie sagen, dass die Festspiel-Subventionen erhöht werden müssen und dass es Signale dafür gibt. Werden diese Signale schon konkreter?

Hinterhäuser: Nein, konkreter sind sie noch nicht geworden, aber es muss etwas passieren, denn es gibt ein Problem, das wir so nicht mehr lösen können. Es geht auch um Verantwortlichkeit. Ich weiß schon, dass man Gefahr läuft, zu sagen, die Salzburger Festspiele haben eh so viel, aber das stimmt nicht, es ist eine Frage der Verhältnismäßigkeit und des Auftrags. Man ist an ein Limit gekommen, und wenn man den Anspruch genau so hoch stellt wie die Salzburger Festspiele, wird man an die Wand fahren. Es ist egal, ob das die großen, die mittleren oder die kleinen Institutionen sind, es gibt für alle das gleiche strukturelle politische Problem.

… dessen Lösungsnotwendigkeit höchstens bei Ausbruch eines Skandals angedacht wird.

Hinterhäuser: Die Unterstützung bedeutet ja auch eine Form von Investition. Es passieren ja gigantische Rückflüsse. Und derzeit geht es darum, dass durch öffentliche Vorkommnisse und Skandale ein Grundton des Infrage­stellens entsteht, der für alle gefährlich ist. Wir können kulturell zugrunde richten, kaputtsparen und ausdünnen bis zum Gehtnichtmehr, aber wir müssen wissen, dass wir unendlich viel verlieren.

Wo liegen die finanziellen Hauptprobleme?

Hinterhäuser: Dass es seit 1997/98 keine Subventionserhöhung mehr gegeben hat und auch keine Indexanpassung, die aber woanders stattfinden muss. Irgendwann ist die Kluft nicht mehr zu schließen. Das ist kein abgehobenes Intendantengequatsche, wir haben es bei großen Institutionen ja auch mit Arbeitsplätzen zu tun. Man muss begreifen, dass nicht nur Drogeriemärkte und Baumärkte und Lebensmittelketten Arbeitsplätze haben, sondern auch Kulturinstitutionen. Ich habe jahrelang in einer kleinen Institution gearbeitet und weiß genau, auf welch dünnem Eis die sich bewegen. Es ist knapp an der Legalitätsgrenze.

Muss man sich – spätestens nach dem Burgtheater-Skandal – fürchten, eine Intendanz anzunehmen?

Hinterhäuser: Eine gute Frage. Nein, ich fürchte mich nicht. Aber wir müssen alle daran arbeiten, die Würde dieser Institution wiederherzustellen. Ich habe keine Angst, aber ich weiß, dass es viel gefährlicher geworden ist als noch vor einigen Jahren.

Das Gespräch führte Ursula Strohal