William Shakespeare: Der zeitlose Zeitgenosse
William Shakespeare ist der bedeutendste und meistgespielte Dramatiker aller Zeiten – und gibt nach wie vor Rätsel auf. In der kommenden Woche jährt sich der Geburtstag des „Barden von Stratford“ zum 450. Mal.
Von Joachim Leitner
Innsbruck –Ein Mann steigt seltsam kostümiert auf den Tisch einer verrauchten Kneipe und soll zur Bespaßung der ebenso trink- wie schießfreudigen Kundschaft einen Schwank zum Besten geben. „Sein oder Nichtsein ...“, setzt er mit großer Geste an und stößt damit auf wenig Gegenliebe. Tanzen soll er oder singen, schließlich sei ein Saloon kein Platz für Poesie, brüllt die Meute. Den berühmten „Hamlet“-Monolog, der so gar nicht ins Wildwest-Dekor passen will, beendet ein anderer. Textsicher und ohne das Pathos des Schmierenkomödianten sinniert Doc Holliday über angstgetriebene Todessehnsucht – und nimmt damit den Weg vorweg, den er selbst in John Fords Western „Faustrecht der Prärie“ (1946) bis zum bitteren Ende gehen wird. Bis ins „Undiscovered Country“, jenes „unentdeckte Land“ also, das für Holliday wie für Shakespeares dänischen Prinzen den Tod bedeutet.
Den Tod und eben nicht die Zukunft, wie irgendwann im 23. Jahrhundert James T. Kirk mit staatstragender Mine behauptet. „taH pagh taHbe“, bekommt der in literarischen Fragen chronisch unzuverlässige Raumschiff-Kommandant daraufhin zu hören. Das heißt nichts anderes als „Sein oder Nichtsein“. Nur eben im kehligen Idiom eines Klingonenkriegers. „Sie werden Shakespeare erst richtig genießen, wenn Sie ihn im klingonischen Original lesen“, wird der verdutzte Captain von seinem streitlustigen Gegenüber belehrt. Der sechste Kinofilm der „Star Trek“-Reihe verdankt dem wahrlich außerirdischen William Shakespeare nicht nur eine Handvoll Pointen, sondern auch den Titel: Mit „The Undiscovered Country“ verabschiedete sich die Original-Crew der „Enterprise“ 1991 von der großen Leinwand.
Vom Wilden Westen bis an den Rand des Universums und darüber hinaus: Das Phänomen William Shakespeare hat auch abseits der klassischen Theaterbühnen zahllose Facetten. 420-mal sind seine Werke verfilmt worden, die Zahl der musikalischer Kompositionen, die sich auf den Barden vom Fluß Avon berufen, geht in die Zehntausende.
In der nächsten Woche – das genaue Datum lässt sich nicht mit letzter Gewissheit sagen – jährt sich der Geburtstag des bedeutendsten Dramatikers der Literaturgeschichte zum 450. Mal. Und obwohl die Auseinandersetzung mit Leben und Werk des mutmaßlich am 23. April 1564 in Stratford-upon-Avon geborenen Autors ganze Bibliotheken füllt: Shakespeare gibt nach wie vor Rätsel auf.
Die verbürgten Quellen sind rar, vor allem die persönlichen Zeugnisse fehlen. Und es sind gerade diese biografischen Leerstellen, die seit Jahrzehnten die wildesten Spekulationen befeuern. Könnte es sein, dass Shakespeare nur ein Strohmann war, dass jemand ganz anderes Bühnenwerke wie „Othello“, „Richard III.“ oder „König Lear“ und insgesamt 154 Sonette geschrieben hat? Schließlich kann nicht sein, was nicht sein darf. Und dass es ein unbedarfter Junge vom Land, Sohn eines Emporkömmlings, der Frau und Kinder aus unerfindlichen Gründen zurückließ und in London als mäßig begabter Schauspieler reüssierte, zum mithin wichtigsten Dichter der Neuzeit, zum zeitlosen Klassiker, zum – wie Shakespeare-Exeget Harold Bloom schreibt – „Erfinder des modernen Menschen“ brachte, durfte nicht sein. Also wurden und werden fragwürdigste Alternativen ins Feld geführt: der Universalgelehrte Francis Bacon zum Beispiel, Christopher Marlowe oder der hochwohlgeborene 17. Earl of Oxford, Edward de Vere, den u. a. Sigmund Freud, Orson Welles, der Tiroler Autor Walter Klier („Das
Shakespeare-
Komplott“,
1994) und zuletzt Kurt Kreiler in „Der Mann, der Shakespeare erfand“ (2009) als wahrscheinlichsten Kandidaten ausmachten.
Aller philologischen Akribie und manchem spektakulären Geistesblitz zum Trotz, die vermeintlichen Thesen bleiben Hypothesen, nährstoffarmes Futter für Verschwörungstheoretiker. Und letztlich ist es auch egal, wer die Stücke und Sonette nun verfasst hat, denn es ist das Werk, dieses Kaleidoskop allzu menschlicher Facetten, das Shakespeare zum „zeitlosen Zeitgenossen“ machte. „Jede Epoche“, schrieb der polnische Literaturwissenschafter Jan Kott, „findet bei Shakespeare, wonach sie selbst sucht, das, was sie selber sehen will.“
Und tatsächlich erscheint noch die abgründigste Wendung des Shakespeare’schen Werks seltsam vertraut. Es mögen neckische Feen, tanzende Hexen oder taumelnde Herrscher sein, die die Bühne bevölkern, das, was die Figuren antreibt, ist unvermindert aktuell. Es geht um Leben und Tod, um Begehren, Lust und Leidenschaft, um die Hybris der Macht und die erschütternde Kraft der Liebe, kurz: Shakespeare vermag es, dem Maß und Unmaß des Menschlichen Gestalt zu geben, es in seiner Widersprüchlichkeit anschaulich zu machen.
Unbestritten ist Shakespeares Einfluss auf die Entwicklung der englischen Sprache: In seinem umfangreichen Gesamtwerk kommen allein mehr als 1700 Worte und Redewendungen vor, die vor ihm nirgendwo dokumentiert und seither in den regulären Sprachgebrauch übergegangen sind. Von „advertisment“ (Annonce) über „torture“ (Folter) bis zu „worthless“ (wertlos) reicht dabei die Liste der Wörter, die William Shakespeare, wenn nicht erfunden, dann wenigstens nachhaltig geprägt hat. Außerdem wissen wir vom Dichter aus Stratford, dass „nicht alles Gold ist, was glänzt“, dass „von Nichts nichts kommt“ und sich etwas „in einem Wimpernschlag“ ändern kann. Erst seit ihm „macht Liebe blind“, gibt es „des Guten zu viel“, „Haare, die zu Berge stehen“ und – natürlich – „den Stoff, aus dem die Träume sind“.
Kommentare