Synthie statt Gitarrenwand: Wye Oak erfinden sich auf „Shriek“ neu
Wien (APA) - Eine der überzeugendsten Qualitäten der US-amerikanischen Indie-Band Wye Oak war es bisher, ihre Besetzung musikalisch zu verhe...
Wien (APA) - Eine der überzeugendsten Qualitäten der US-amerikanischen Indie-Band Wye Oak war es bisher, ihre Besetzung musikalisch zu verheimlichen: Wenig deutete bei den Stücken darauf hin, dass mit Andy Stack und Jenn Wasner ein Duo dafür verantwortlich war. Auf ihrem vierten, am Freitag erscheinenden Album „Shriek“ gehen die beiden Musiker nun sogar noch einen Schritt weiter - und erfinden sich neu.
„Es war uns sehr früh klar, dass wir kein ‚Civilian‘-Teil 2 machen wollten“, stellt Schlagzeuger Stack im Gespräch mit der APA klar. Das 2011 erschienene Vorgängeralbum sorgte mit teils hymnischem, teils breit aufgefächertem Indie-Rock für Anklang bei Fans wie Kritikern. Eine bloße Wiederholung hätte aus Stacks Sicht aber fatale Folgen gehabt. „Wenn wir uns nicht weiterentwickelt und unseren Zugang geändert hätten, wäre das wohl das Aus für die Band gewesen.“ Deshalb regieren nun elektronische Klänge statt Gitarrenwände.
„Wir hatten die alten Stücke bis zu einem gewissen Grad satt“, erinnert sich Stack an die letzte, sehr intensive Tour. Zugutegekommen ist dem Duo bei der Neuausrichtung dann eine geografische Distanz. „Wir haben zur Entstehungszeit der neuen Stücke nicht am selben Ort gelebt. Dadurch ist das Album aus Fragmenten entstanden, die wir uns zugeschickt haben. Bis vor gut zwei Monaten gab es nicht einmal Live-Versionen von den Songs.“
Was man sich angesichts der gekonnt analoge wie digitale Qualitäten verschränkenden Nummern nur schwer vorstellen kann: Bereits der Opener „Before“ entführt in die 80er Jahre, überzeugt aber gleichzeitig durch einen modernen Touch und die für Wye Oak so typische Melancholie. Ähnlich wehmütig der Titelsong, bevor „The Tower“ auf den Dancefloor entführt und sich spätestens mit der ersten Single „Glory“ ein Ohrwurm-Kandidat herausschält. Dass Sängerin Wasner zudem die Gitarre gegen den Bass eingetauscht hat, trägt das Übrige zur dichten, stark von Rhythmik geprägten Atmosphäre bei.
Dennoch sei nun die Umsetzung in das Live-Korsett keine ganz einfache, wie Stack erläutert. „Es müssen ja alle Texturen und Schichten funktionieren, ohne dass die Songs etwas verlieren.“ Was auch für ihn Mehrarbeit bedeute, wurde doch der Keyboard-Anteil, den er bisher parallel zum Schlagzeugspiel bei Konzerten zu erledigen hatte, weiter ausgebaut. „Die Struktur ist jetzt eine andere. Gerade für Jenn ist es eine große Herausforderung, Bass zu spielen und gleichzeitig zu singen. Sie hat sehr nuancierte Bassfiguren geschrieben, die eng mit dem Schlagzeug verbunden sind. Und auf der anderen Seite ist ihr Gesang mitunter ziemlich akrobatisch.“
Nachzuhören ist das etwa bei „Sick Talk“, das musikalisch zwischen brummenden Bässen und irrlichternden Synthies changiert. „Es gibt viele neue elektronische Muster“, meint Stack auf die Gegensätze im Sound angesprochen. „Insgesamt kennzeichnen die Platte sowohl diese digitalen, nicht menschlichen Elemente, als auch das Gegenteil davon. Aber ich glaube, das Album hat trotzdem einen sehr organischen Touch. Es gibt ja dieses Vorurteil, dass Synthesizer und Elektronisches eher kalt und distanziert wirken. Das ist aber nicht wirklich gerechtfertigt.“
Stattdessen sei eine neue Komplexität möglich gewesen. „Das sind Songs, die sich in Schichten ausbreiten. Wir wollten das früher schon machen, haben diesen Effekt aber nicht erreicht. Damals spielten wir mehr mit Dynamik und haben den Hörer immer wieder mal eins über den Kopf gezogen“, erläuterte Stack verschmitzt. „Dadurch versuchten wir, die Limitierungen eines Duos zu überspielen. Was auch gepasst hat, aber jetzt wollten wir ein subtileres Album machen, mit einer durchdachten Instrumentation.“
Live dürfen sich Fans aber natürlich auch auf ältere, noch ganz dem Rock verpflichtete Stücke freuen. „Es bedeutet eigentlich nur, dass wir mehr Equipment mitschleppen müssen“, lacht der Schlagzeuger über die gefundene Liebe zur Elektronik. „Das neue Album bedeutet ja nicht, dass wir unserem bisherigen Material komplett abgeschworen haben.“ In Österreich gastieren Wye Oak in den kommenden Wochen zweimal: Am 28. Mai im Wiener Chelsea und am 7. Juni beim Seewiesen Festival in Kleinreifling (Oberösterreich).
(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)
(S E R V I C E - http://wyeoakmusic.com)
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