Gesundheit

In großen Schritten denken

Mit dem Trainingsprogramm „Big“ bleiben Parkinson-Patienten in Bewegung. Zudem erlernen die Betroffenen Übungen, die ihnen helfen, den Alltag mit der Krankheit leichter zu bewältigen.

Von Theresa Mair

Innsbruck –Irgendetwas ist anders. Das Gesicht des Partners wirkt plötzlich wie eingefroren, er schlurft gebeugt den Gang entlang, seine Hände zittern. Offensichtlich hat er Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Wenn er spricht, dann nuschelt er leise und monoton. Je länger er schreibt, desto kleiner werden die Buchstaben. Insgesamt wirkt er antriebslos, manchmal apathisch.

Jede einzelne dieser Veränderungen kann für sich auf die Parkinson-Erkrankung hindeuten. „Die Betroffenen selbst bemerken diese Störungen – außer wenn sie zittern – meist gar nicht. Es ist daher ganz wichtig, dass Angehörige und Arbeitskollegen diese Beobachtungen nicht für sich behalten, sondern die betroffene Person darauf ansprechen“, sagt Werner Poewe, Leiter der Neurologie an der Innsbrucker Universitätsklinik. Wiener Forscher hätten in den 1960er-Jahren herausgefunden, dass sich Dopaminmangel als Bewegungssteuerungsmangel in dem Gehirnareal äußert, das für automatisierte Bewegungen wichtig ist, erklärt Poewe.

Mittlerweile könne die Medizin in der Parkinsonbehandlung viel bewirken. Nach wie vor sei die Krankheit aber nicht heilbar – der Verlauf zeichne sich durch eine sehr langsame Verschlechterung des Allgemeinzustands aus. Die Lebenserwartung von Parkinsonpatienten ist laut dem Spezialisten nicht wesentlich niedriger als die von gesunden Menschen. Und durch Therapie könne die körperliche Funktionalität sehr lange erhalten werden.

„Symptome der Parkinson-Erkrankung sind unter anderem Gangstörungen – so genanntes Freezing („Einfrieren“ Anm. d. Red.) – und Gleichgewichtsstörungen, die zu Stürzen führen. Hervorgerufen werden sie durch ein Steuerungsproblem im Gehirn. Medikamente reichen da oft nicht aus“, sagt Poewe.

Deshalb hat sich an der Innsbrucker Klinik unter der Leitung von Physiotherapeutin Gudrun Schönherr ein Team von Ärzten, Logopäden, Physio- und Ergotherapeuten gebildet, das mit Parkinson-Patienten die speziellen Trainingsprogramme „Loud“ und „Big“ absolviert. „Je länger Patienten krank sind, desto weniger merken sie, wie leise sie sprechen, wie klein ihre Bewegungen sind. Beim Training sollen sie wieder ein Gespür dafür bekommen, wie sehr sie sich anstrengen müssen, damit ihre Bewegungen wieder flüssig, die Artikulation deutlich ist“, erklärt Schönherr. Einen Monat lang werden dabei jede Woche eine Stunde lang in der Vierergruppe u. a. riesige Ausfallschritte gemacht, überdimensional große Kreise an die Tafel gemalt und übertrieben laut gesprochen. Außerdem werden in den Trainingsstunden auch individuelle Schwierigkeiten, wie z. B. das Anziehen von Strümpfen oder das Aussteigen aus dem Auto, angepackt. Hausaufgaben gibt es ebenso zu erledigen. Interessant: Auch kleine und feine Bewegungen wie das Zumachen von Knöpfen oder das Einfädeln eines Fadens werden mit riesengroßen Bewegungen eingeübt. Zudem ermögliche das gemeinsame Training in Gruppen den Patienten, sich untereinander auszutauschen, erklärt Schönherr. Mittlerweile helfen in Tirol acht Therapeuten mit „Big“ und „Loud“, das „motorische System neu zu kalibrieren“, sagt die Physiotherapeutin. Offenbar erfolgreich: „Untersuchungen belegen, dass ein sechswöchiges Training bis zu sechs Monate anhält. Man muss deshalb auch nicht ein Leben lang ständig trainieren. Wichtig ist es aber, in Bewegung zu bleiben – auch prophylaktisch. Denn das Gehirn wird durch Bewegung gesund erhalten“, sagt Poewe.

Etwa 2000 Tiroler leiden laut dem Experten an Parkinson, rund 200 erkranken jedes Jahr neu. Im Durchschnitt tritt die Krankheit mit Anfang 60 auf. Damit ist das Alter auch der höchste Risikofaktor. Doch auch bei Menschen, deren erstgradige Verwandte bereits an Parkinson erkrankt sind, bei chronischer Verstopfung, dem Verlust des Geruchssinns und der so genannten Traum-Schlaf-Störung besteht ein erhöhtes Risiko, an Parkinson zu erkranken, sagt der Arzt.

Wenn Jüngere erkranken – maximal zehn Prozent der 40-Jährigen bekommen Parkinson –, dann unterscheidet sich der Krankheitsverlauf von dem der älteren Patienten. „Junge haben ein geringes Demenzrisiko und lange keine wesentlichen Probleme beim Gehen. Allerdings reagieren sie empfindlicher auf die Medikamente“, sagt der Neurologe. Dabei sei L-Dopa das älteste und beliebteste Parkinson-Medikament – und es sei erstaunlich gut verträglich. Allerdings könne es bei Jungen mit der Zeit unkontrollierte Überschussbewegungen bewirken.

Unter der Voraussetzung, dass die Medikation beim Patienten bisher gut gewirkt hat, kann in solchen Fällen die tiefe Gehirnstimulation in Erwägung gezogen werden. Dabei werden Elektroden ins Gehirn eingebracht und nach der Operation optimal eingestellt. Infolge einer solchen Implantation könnten die Medikamente reduziert werden, „der Bewegungsüberschuss und das Zittern werden ausgelöscht“, sagt Poewe. Er gibt jedoch zu bedenken, dass die tiefe Gehirnstimulation nur für wenige Betroffene geeignet ist. „Innsbruck ist das größte Parkinson-Zentrum in Österreich. Jährlich sind es allerdings nur 20 bis 25 Operationen, die in Kooperation mit der neurochirurgischen Klinik durchgeführt werden.“

Zur Information: Ein Video in englischer Sprache zu den Trainingsprogrammen „Big“ und „Loud“ ist im Internet unter http://go.tt.com/1nfY5Vl abrufbar.