Sport Report

Auf Wolke sieben lässt sich nicht ewig schweben

Anna (rechts) mit den drei Bacher-Schwestern Katharina, Barbara und Sabine vor der Klagemauer in Jerusalem.Foto: Heiko Wilhelm

Nächstes Wochenende startet Österreichs Kletter-Königin Anna Stöhr in den Boulder-Weltcup. Nach einer Traumsaison tut sie das als große Gejagte.

Von Max Ischia

Innsbruck –Irgendwann, nickt Anna Stöhr, hätte sie diesen Flow verspürt. Diese schwer zu beschreibende Leichtigkeit, in der einem selbst die schwierigsten Dinge scheinbar einfach von der Hand gehen. Vollgepumpt mit Selbstvertrauen und dem Wissen, eine Stufe über der Konkurrenz zu thronen, kletterte die 25-Jährige vergangene Saison von Erfolg zu Erfolg. Am Ende standen sieben Weltcup-Siege, folgerichtig der unangefochtene Triumph im Boulder-Weltcup, EM-und Militär-WM-Gold zu Buche. „Von so einer Saison hatte ich immer geträumt“, sagt Österreichs Boulder-Queen und lässt nach einem Schluck vom gespritzten Apfelsaft ein „aber“ folgen. „Aber wenn du alles erreicht hast, fragst du dich unweigerlich, was jetzt noch kommen soll.“

Erst einmal kam der innere Schweinehund. Und der bellte mitunter lauter als gewöhnlich. „Phasenweise war es ein bisserl schwierig, mich zu motivieren.“

Also machte Stöhr erst einmal einen Bogen um die künstlichen Boulderwände und tankte am Fels neue Kraft und Inspiration. Nachdem sie im Herbst vornehmlich in den heimischen Gefilden unterwegs war, ging es nach Weihnachten mit Freund Kilian Fischhuber, 2013 ebenfalls Boulder-Europameister, und acht Teamkollegen nach Israel, im Februar nach Griechenland und anschließend mit dem Nationalteam zum Trainingscamp nach Fontainebleau (FRA).

Dazwischen legte die Sport- und Englischstudentin noch eine Lateinprüfung („Das kleine Latinum“) ab. „Im zweiten Anlauf“, wie sich lächelnd anmerkt.

Dem Auftakt des Boulder-Weltcups nächstes Wochenende in der chinesischen Millionenmetropole Chongquing (CHN) blickt Stöhr mit einer Mischung aus Gelassenheit und Realismus entgegen. Zu glauben, dass es mit der letztjährigen Dominanz einfach so weitergehe, sei etwas naiv. „Wir leben ja nicht in einer Regenbogenwelt. Ich gehe davon aus, dass der Rest meiner Kolleginnen g’scheit zurückschlägt. Ich bin schon gespannt, was die anderen Mädchen so draufhaben“, sagt sie, und sie sagt es passendweise auf der Terrasse des Restaurants „Wolke 7“.

Gegen die Rolle der großen Gejagten wehrt sich Stöhr nicht. „Das liegt auf der Hand, aber damit beschäftige ich mich nicht.“ Wohl aber mit den beiden selbst ernannten Saisonhöhepunkten. „Natürlich der Heim-Weltcup in Innsbruck (15.–17. Mai am Marktplatz, Anm.) und die Weltmeisterschaft Ende August in München.“

Gedanken an ein baldiges Karriereende habe sie keine. „Die Heim-WM 2017 ist eine gute Motivation. Aber es muss weiterhin cool sein für mich. Wenn es nicht mehr passt, kann es auch schnell vorbei sein.“

© Andreas Rottensteiner / TT