Breit gegrinst und lange nachgelacht
Wattens – Wie schnell die Avantgarde über die Jahre zum Alltäglichen mutiert, ist mitunter sehr ernüchternd. Ein Beispiel dafür war der dem ...
Wattens –Wie schnell die Avantgarde über die Jahre zum Alltäglichen mutiert, ist mitunter sehr ernüchternd. Ein Beispiel dafür war der dem amerikanischen Komponisten George Antheil gewidmete Abend im Rahmen der Konzertreihe Musik im Riesen. Als (selbst ernannter) „Bad Boy“ in die Musikgeschichte eingegangen, sorgte Antheil im Paris der frühen 1930er-Jahre mit seinen skandalösen Aufführungen für jede Menge Erregung. Was von Antheils Werk über die Jahre – vom Filter der Gehörgewohnheiten geklärt – übrig blieb, darf man heute in der Kategorie anspruchsvolle Gebrauchsmusik verorten.
Antheil – Schöpfer zahlreicher Filmmusiken, Pianist, Poet, musikalischer Provokateur, Erfinder und Lebemann – war ein Mann mit mehreren Gesichtern. Die Qualität seines kompositorischen Schaffens ist deshalb wohl nur in der Gesamtheit seiner Persönlichkeit zu sehen. Einen tiefen, wie packenden Blick auf das Multitalent Antheil präsentierten die drei Künstlerpersönlichkeiten Karl Markovics (Sprecher), Gottlieb Wallisch (Klavier) und Vahid Khadem-Missagh (Violine) in Form einer außergewöhnlichen, kammermusikalischen Soiree. Karl Markovics las aus „Bad Boy of Music“, aus Antheils niedergeschriebenen autobiografischen Anekdoten. Doch was heißt las? Das war ein Markovics in Hochform: Heißblütig, leidenschaftlich, durchlebt, jede Pointe auf den Punkt gebracht, ein mitreißendes Erlebnis.
Die Auswahl von Klavierstücken, durchwegs als Collagen angelegt, fanden in Wallisch ihren Meister. Zitate, Zitate und noch einmal Zitate aus Jazz, Romantik, Wiener Schule, unüberhörbar Strawinsky, Milhaud, Schostakowitsch, Bartok, strukturiert mit jeder Menge an rhythmischen Effekten, klanglich sehr bewusst gesetzt und alles sehr, sehr frech. Wallisch stilistisch versiert, Artikulation, Phrasierung und Anschlag souverän mit sicherem Instinkt für den jeweiligen Tonfall.
Für ein Werk betrat auch noch der Geiger Vahid Khadem-Missagh die Bühne und zeigte sich ebenfalls lustvoll agierend als Kenner der Materie. Der Wunsch des Trios, dass das Publikum mit einem Grinsen im Gesicht nach Hause gehe, ging in Erfüllung. Es war ein extrem breites Grinsen, noch lange nachgelacht! (hau)