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Fixstern der österreichischen Zeitgeschichte: Gerald Stourzh wird 85

Wien (APA) - Mit dem Essayband „Der Umfang der österreichischen Geschichte“ (Böhlau) legte Gerald Stourzh 2011 sein letztes Werk vor. Der Ze...

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Wien (APA) - Mit dem Essayband „Der Umfang der österreichischen Geschichte“ (Böhlau) legte Gerald Stourzh 2011 sein letztes Werk vor. Der Zeitgeschichte in all ihren Facetten vom Staatsvertrag bis zur Geschichte des politischen Denkens widmete der Historiker aber nicht nur dieses Buch, sondern sein Lebenswerk. Am Donnerstag (15. Mai) feiert der Doyen der österreichischen Zeitgeschichte seinen 85. Geburtstag.

Sein Leben begriff Stourzh immer als „intellektuelle Reise“, die trotz seines hohen Alters noch nicht zu Ende ist, denn die „Leidenschaft für das Öffentliche“ des Historikers ist weiter ungebrochen. Die Geschichte der modernen Demokratie beschäftigte Stourzh schon zu Beginn seiner Karriere - bekannt ist heute vor allem seine Forschung zum österreichischen Staatsvertrag, zu dem er ein 800 Seiten dickes und mehrfach neu aufgelegtes Standardwerk verfasst hat.

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Intensiv beschäftigte er sich auch mit der Geschichte des politischen Denkens, der Verfassungsgeschichte, der Österreichischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und - bedingt durch seine längeren Forschungsaufenthalte im Ausland - der Westeuropäischen und Amerikanischen Geschichte und der Geschichte der internationalen Beziehungen. Internationale Beachtung fand Stourzh vor allem auch mit seinen Forschungen zur Geschichte der Menschenrechte und der Demokratie.

Stourzh, gebildet und geprägt durch das humanistische Wiener Bildungsbürgertum, publiziert auf Deutsch und Englisch, teilweise auch auf Französisch. Der Historiker, der sich stets auch mit Politikwissenschaften und Recht befasst hat, beschreibt sich selbst als „selbstbewussten Staatsbürger“, als Citoyen und konsequenten Verfechter der Grundrechtsdemokratie und begründet das auch mit seiner eigenen Biografie. So setzte sich Stourzh in den vergangenen Jahren unter anderem gegen Kürzungen in der Wissenschaftsförderung ein.

Gerald Stourzh wurde am 15. Mai 1929 in Wien geboren. Beide Eltern waren Akademiker, der Vater im Brotberuf Beamter. Doch „seine Berufung war die eines philosophischen Schriftstellers“, eine Arbeit, der mit der Machtübernahme der Nazis jedoch ein jähes Ende bereitet wurde. „So wuchs ich voller Respekt für geistige Leistung auf“, schreibt Stourzh in einem seiner Essays. Durch seine Eltern sei er mit einer „starken antinationalistischen Überzeugung“ geprägt worden, die politische Situation während seiner Jugend habe ihn zu einem „bewussten Österreicher“ gemacht und sein „tief gehendes Interesse“ für politische Vorgänge, Geschichte und Verfassung geweckt.

Für damals ungewöhnlich früh, mit 21 Jahren, ging Stourzh für seine Studien der Geschichte ins Ausland: zunächst nach Clermont-Ferrand, dann ins britische Birmingham. 1951 bis 1958 verbrachte er an der Universität sowie an der American Foundation for Political Education in Chicago. Gleichzeitig absolvierte er ein postgraduales Studium der Geschichte sowie Politik- und Sozialwissenschaften. 1958 kehrte er nach Wien zurück, wo er die Österreichische Gesellschaft für Außenpolitik aufbaute, bis 1962 stand er ihr als Generalsekretär vor. 1964 bis 1969 lehrte er an der Freien Universität Berlin, 1967/68 in Princeton und von 1969 bis 1997 an der Universität Wien.

Stourzh erhielt Ehrendoktorate an der Universität Graz und der University of Chicago. Er ist Träger des Großen Silbernen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich und des Goldenen Ehrenzeichens des Landes Wien. 2009 wurde er für sein Lebenswerk sowohl mit dem großen Kardinal-Innitzer-Preis als auch dem Wissenschaftspreis der Margaretha Lupac-Stiftung ausgezeichnet. Zu Ehren seines 80. Geburtstags rief die Uni Wien die jährlichen „Gerald Stourzh-Vorlesungen für Geschichte der Menschenrechte und Demokratie“ ins Leben. 2014 werden sie von Dirk Moses, Professor für Global- und Kolonialgeschichte am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, gehalten.

(Bilder von Gerald Stourzh sind im AOM abrufbar)


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