Jeremy Rifkin bereitet Österreich auf die Gratis-Gesellschaft vor

Wien (APA) - Für US-Ökonom Jeremy Rifkin steuern wir auf eine Gratis-Gesellschaft zu. Österreich täte gut daran, sich auf die heraufdämmernd...

Wien (APA) - Für US-Ökonom Jeremy Rifkin steuern wir auf eine Gratis-Gesellschaft zu. Österreich täte gut daran, sich auf die heraufdämmernde „dritte industrielle Revolution“ und die „Zero Marginal Cost Society“ (etwa: „Gratis-Gesellschaft“) einzustellen, sagte er am Donnerstag bei der von ORF, Forschungsrat und Alpbacher Technologiegesprächen organisierten Veranstaltung „Vision 2050 - Chancen für Österreich“.

Seine neuen, großteils bereits auf früheren Büchern fußenden Thesen hat Rifkin in seinem neuesten, kürzlich erschienenen Buch „The Zero Marginal Cost Society“ zusammengefasst. Er geht davon aus, dass die Entwicklung, die etwa mit File-Sharing begonnen hat und traditionelle Wirtschaftszweige wie die Musikindustrie, Medien- oder Verlagsbranche ins Wanken gebracht hat, nicht mehr aufzuhalten ist.

Junge Leute würden heutzutage auch kein eigenes Auto mehr, sondern Mobilität wollen und würden sich diese durch Car-Sharing holen. „Mit jedem geteilten Auto, verschwinden 15 Autos im Eigentum von der Straße - eines der zentralen Stücke der zweiten industriellen Revolution“, sagte Rifkin. Selbst Wohnungen würden mittlerweile geteilt, sagte er unter Hinweis auf Unterkunfts-Vermittlungsplattformen wie „Airbnb“.

Für Rifkin zeigt das, dass das durch File-Sharing begonnene Phänomen, alles nahezu gratis zu bekommen, sich nicht auf die virtuelle Welt beschränken wird. Die Tendenz zu immer höherer Effizienz und Produktivität verbunden mit der immer höheren Vernetzung und besseren Kommunikation durch das Internet, der erneuerbaren, dezentralen Energieversorgung und Technologien wie 3-D-Druckern bedeuten für Rifkin die dritte industrielle Revolution. Österreich sollte die Infrastruktur dafür ausbauen, habe aber alleine schon mit seiner hohen ökologischen Orientierung viel erreicht.

TT-ePaper testen und eine von 150 Jahres-Vignetten gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Auf dem Boden der österreichischen Realität bewegte sich dagegen eine Podiumsdiskussion vor Rifkins Vortrag. Einmal mehr mahnte der Vorsitzende des Rats für Forschung und Technologieentwicklung (RFT), Hannes Androsch, Reformen ein: „Mit Reformzölibatismus werden wir die Zukunft nicht gewinnen, sondern verlieren“. In Anspielung auf das Datum der Veranstaltung - am 15. Mai 1955 wurde der Staatsvertrag unterzeichnet - forderte Androsch einen „Staatsvertrag für die Zukunft des Landes zu schaffen“.

Einig waren sich alle Teilnehmer einer Podiumsdiskussion, dass Reformen und Verbesserungen im Bildungsbereich notwendig sind, und dies möglichst rasch, weil hier so lange Vorlaufzeiten notwendig seien. Für IHS-Chef Christian Keuschnigg müsse man zudem in der Grundlagenforschung an den Universitäten wettbewerbsfähiger werden, vor allem angesichts des „Brain Drains, weil zu wenig Forschungsmittel da sind“. Die Vizerektorin der Medizin-Uni Wien, Karin Gutierrez-Lobos forderte für die Unis „Verlässlichkeit in der Planung und Finanzierung“, der Geschäftsführer der Forschungsförderungsgesellschaft FFG, Klaus Pseiner, erhofft sich für eine Fortsetzung der positiven Entwicklung im Forschungsbereich der vergangenen Jahre „einen starken politischen Willen, der sich auch in budgetären Möglichkeiten äußert“. Und Edeltraud Stiftinger, Geschäftsführerin des Austria Wirtschaftsservice (aws), erhofft sich mehr Unternehmergeist und „mehr Leuchten in den Augen, statt der zunehmenden Saturiertheit“.


Kommentieren