Serbiens Botschafter in Wien: „Das schaffen wir nicht alleine“

Kiew (APA) - „Das können wir alleine nicht schaffen.“ Die ganze Verzweiflung eines Landes, das nie zuvor eine Hochwasserkatastrophe dieses A...

Kiew (APA) - „Das können wir alleine nicht schaffen.“ Die ganze Verzweiflung eines Landes, das nie zuvor eine Hochwasserkatastrophe dieses Ausmaßes erlebt hat, spricht aus den Worten des serbischen Botschafters in Österreich, Pero Jankovic. Im APA-Gespräch lehnte der Diplomat zugleich Sanktionen gegen Russland im Ukraine-Konflikt ab: „Wir hatten das jahrelang.“

„Unsere Städte sind zu Flüssen geworden“, sagte der Diplomat am Rande des Europa-Forums Wachau. Die Dimension der Schäden könne man nicht ermessen, wenn man Fernsehbilder sehe, schilderte Jankovic der APA die Lage. Die Wasserfluten hätten oft das dritte Stockwerk von Gebäuden erreicht, Menschen konnten ihre Wohnungen nicht verlassen. Die Save sei acht Meter hoch angestiegen. Die Milliardenschäden an Gebäuden und in der Infrastruktur seien noch nicht zu beziffern. 25.000 Menschen wurden bis Sonntag evakuiert, 100.000 waren ohne Strom. Die Folgen der Jahrhundertflut würden erst später zum Tragen kommen.

Jankovic erläuterte, seine Regierung habe ein Ersuchen an die EU-Kommission gerichtet. Er dankte Österreich für die bereits geleistete Hilfe an Ausrüstung und Geldmitteln. Der Botschafter hatte in Wien den inzwischen abgesagten Besuch von Ministerpräsident Aleksander Vucic vorbereitet; am Sonntag beriet der Premier mit Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) telefonisch über die Lage. Erleichtert zeigte sich Jankovic über die Entscheidung der EU, den Zivilschutzmechanismus zu aktivieren und Serbien als EU-Beitrittskandidat den Zugriff auf den Katastrophen-Solidaritätsfonds zu gewähren.

Vucics Visite fiel nun den Wassermassen zum Opfer, die Serbien quasi über Nacht heimsuchten. Jankovic unterstrich, dass der Premier die Ziele der ersten Auslandsreisen in seiner Funktion ganz bewusst ausgewählt habe. So besuchte er zuallererst Bosnien-Herzegowina. „Trotz des speziellen Verhältnisses Belgrads“ zur Republika Srpska in Bosnien sei Vucic „als Zeichen der Unterstützung“ zuerst nach Sarajevo gereist, gerade im Jahr des Gedenkens an den Ausbruch des 1. Weltkrieges.

Österreich wäre das erste EU-Land gewesen, das Vucic nun besuchen wollte. Der Botschafter nannte hierfür mehrere Gründe: Österreichs positive Einstellung zur EU-Erweiterung, die „sehr guten Wirtschaftsbeziehungen“ mit Investitionen von über drei Mrd. Euro seit 2000, sowie die an der Bevölkerung gemessen größte serbische Gemeinschaft im Ausland (bis zu 300.000 Menschen). Die Serben in Österreich „bilden eine starke Brücke“, unterstrich der Botschafter. „Die meisten sind sehr gut integriert.“

Angesprochen auf die distanzierte Haltung Serbiens, das traditionell gute Beziehungen mit Moskau pflegt, zur EU-Position im Ukraine-Konflikt, die auch Sanktionen einschließt, sagte der Botschafter in aller Klarheit: „Wir sind prinzipiell gegen Sanktionen.“ Dass Sanktionen „kein Mittel für politische Lösungen“ sind, setze sich auch anderswo durch, so in Deutschland oder Österreich. Serbiens Außenminister Ivica Dacic hatte kürzlich in einem Interview erklärt, nationale Interessen kämen vor dem Wunsch der EU-Annäherung, Belgrad wolle sich nicht automatisch der EU-Politik anschließen.

Jankovic sieht diese Aussagen pragmatisch; Dacic stehe damit in Belgrad nicht alleine. Serbien habe selbst „jahrelang Sanktionen“ erlebt und wisse, was dies bedeute. In dieser Zeit, wo es um die Wirtschaft Serbiens schlecht stand, „exportierten wir nach Westen, aber am meisten nach Russland“. Russland sei sozusagen „die offene Tür im Außenhandel“ gewesen. Mit Russland habe Serbien „jetzt gute Beziehungen“. So sei „die neutrale Haltung“ Belgrads zu verstehen. Umgekehrt aber sei auch Russland „nicht zufrieden“ gewesen mit Serbiens Haltung in der UNO. „Wir wollen die traditionellen Beziehungen zu Russland nicht ruinieren, tragen aber Entscheidungen mit“, resümierte der Diplomat.

Keinen Zweifel ließ der serbische Botschafter an der Europa-Ausrichtung seines Landes. „In die EU möchten wir, die EU brauchen wir“, sagte Jankovic. Serbien fühle sich Europa zugehörig. „Unsere geostrategische Position ist europäisch.“ Die Regierung in Belgrad habe beschlossen, diesen Weg zu gehen. Übrigens: Vucics Vorgänger im Amt des Regierungschefs, der jetzige Außenminister Dacic, hatte beim Europa-Forum im Stift Göttweig im Vorjahr eine konkrete EU-Perspektive für Serbien eingefordert.

(Das Gespräch führte Hermine Schreiberhuber/APA)