25 Jahre Tiananmen-Massaker: „Traum geschlachtet“

Peking (APA) - Der Umgang mit dem Tiananmen-Massaker Anfang Juni 1989 spaltet China: 25 Jahre nach der Niederschlagung der Demokratie- und S...

Peking (APA) - Der Umgang mit dem Tiananmen-Massaker Anfang Juni 1989 spaltet China: 25 Jahre nach der Niederschlagung der Demokratie- und Studentenbewegung darf die Tragödie nicht öffentlich thematisiert werden. Viele Familien haben wegen der strikten Tabu-Politik durch das offizielle China gar keine Ahnung von den Ereignissen vor 25 Jahren. Andere wollen ein Zeichen setzen - und bringen sich dadurch in Gefahr.

Nur wenige wagen es, ihren Protest gegen das Vorgehen von Regierung, Polizei und Volksbefreiungsarmee vor 25 Jahren öffentlich zu machen. Tun sie es, greift die Polizei zu. Anfang Mai wurden Anwälte, Aktivisten und Angehörige von Opfern, die sich getroffen hatten, um die Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung der Geschehnisse vorzubereiten, festgenommen. Dies berichtete die Menschenrechtsgruppe China Human Rights Defenders (CHRD).

Der Protest kursiert vor allem im Netz und hinter vorgehaltener Hand. Begriffe wie „4. Juni“, der Tag des Massakers, lösen Sperren aus, also behilft sich die Netz-Community mit wechselnden Codes und Umschreibungen. Eine bekannte TV-Moderatorin postete in einem Chat den Spruch: „Ich hasse den Fleischer, der meinen Traum geschlachtet hat“.

In Postings in Chats oder anderen Kommunikationskanälen wie der chinesischen Twitter-Variante Weibo werden auch schwierig zu dechiffrierende Decknamen verwendet. Der eigentliche Tag des Massakers, der 4. Juni, wurde von vielen Chinesen als der 35. Mai codiert - die Bezeichnungen werden in rascher Abfolge gewechselt.

Große Proteste oder Gedenken wird es wohl nicht geben, dazu fehlt laut einem chinesischen Aktivisten die Information - und auch der Wille: „Die meisten Menschen haben resigniert, sind materialistisch geprägt vom allgegenwärtig propagierten Konsum oder sie sind schlicht egoistisch. Viele Menschen in China sind wohl klug und gebildet, aber nicht engagiert“.

Beklagt wurde von einer anderen Aktivistin gegenüber der APA auch, dass es kaum Wissen über die Ereignisse gebe: „Es wird keine Erinnerung daran gepflegt, es ist ein absolutes Tabuthema. Eltern sprechen nicht darüber, aus Angst, dass ihre Kinder sich in der Schule verplappern könnten“.

Zeichen sollen dennoch gesetzt werden, wenn auch so allgemein wie möglich: An den eigentlichen Gedenktagen wollen Aktivisten oder ganz einfach engagierte Menschen schwarze Kleidung tragen - oder Jasmin-Blüten, zur Erinnerung an den und analog zum Arabischen Frühling. „Schwarze Kleidung ist schließlich nicht verboten, genauso wenig wie Blumen zu tragen. Man wird wohl auch keine großen Gruppen bilden können“, so die Aktivisten.

Das Vorgehen der Behörden im Vorfeld des Jahrestages sei ein Akt der Einschüchterung, der auf jeden ziele, der erwägen sollte, öffentlich an die blutige Niederschlagung vor 25 Jahren zu erinnern, zitierte CHRD laut dpa einen chinesischen Dissidenten, der anonym bleiben wollte. „Dieser Zwischenfall ist besonders erschreckend“, sagte CHRD-Direktorin Renee Xia. „Der 25. Jahrestag in diesem Jahr wird zweifellos strengere Beschränkungen des Rechts auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit sehen als je zuvor.“

Dass die chinesische Führung das Gedenken fürchtet, zeigte ein Urteil, das Anfang Mai in der östlichen Provinz Jiangsu gegen Gu Yimin erging. Die Anklage lautete auf „Anstachelung zum Umsturz“, so sein Anwalt, das Strafausmaß beträgt 18 Monate. Gu hatte im vergangenen Jahr im Internet Fotos von dem Massaker im Jahr 1989 veröffentlicht und eine Genehmigung für eine Demonstration beantragt. „Dieses Urteil verstößt gegen die Verfassung“, sagte der Anwalt, sein Mandant werde es anfechten. Gu habe lediglich „sein Recht zur freien Meinungsäußerung“ nutzen wollen. Der Advokat beklagte laut dpa zudem, er selbst und ein weiterer Anwalt seien vor dem Gericht in der Stadt Changshu von Männern angegriffen worden, bei denen es sich offenbar um Sicherheitskräfte gehandelt habe.

Zumindest in einer chinesischen Stadt können die Geschehnisse von vor 25 Jahren dargestellt werden - wohl aber auch wegen des politischen Sonderstatus: In der früheren britischen Kronkolonie Hongkong ist Ende April das erste entsprechende Museum eröffnet worden. Auf knapp 75 Quadratmetern werden vor allem Videos und Fotos der Ereignisse gezeigt, darunter auch das berühmte Bild von jenem Mann in weißem Hemd und mit Einkaufstaschen, der sich den Panzern entgegenstellt.