Zweig, Leopoldina und Dreizehnlinden - Österreicher in Brasilien

Brasilia (APA) - Der Schriftsteller Stefan Zweig (1881 - 1942) und Kaiserin Leopoldina (1797 - 1826) aus dem Hause Habsburg sind wohl die pr...

Brasilia (APA) - Der Schriftsteller Stefan Zweig (1881 - 1942) und Kaiserin Leopoldina (1797 - 1826) aus dem Hause Habsburg sind wohl die prominentesten österreichischen Emigranten nach Brasilien. Aber beileibe nicht die einzigen. Allein von 1921 bis 1937 wanderten 13.931 Österreicher in das südamerikanische Land aus. Die Emigration begann aber weit früher.

Im Lauf der Geschichte gab es mehrere Umsiedlungsprojekte. Nachhaltig war lediglich die Kolonie „Dreizehnlinden“ im südlichen Bundesstaat Santa Catarina. In „Treze Tilias“ lebt man bis heute gut vom exotischen Alpencharme.

Mit der Flucht des portugiesischen Königshauses vor den Truppen Napoleons nach Brasilien wurden 1808 die Häfen der damaligen Kolonie Brasilien auch für Nicht-Portugiesen geöffnet. Fortan rührte die österreichische Erzherzogin Leopoldine, ab 1817 Ehefrau des ersten brasilianischen Kaisers Pedro, in den deutschsprachigen Landen die Werbetrommel für Brasilien, um die Landwirtschaft zu forcieren und die Grenze zur Banda Oriental (heute Uruguay) durch Besiedelung besser zu sichern. So kamen 1825 Tiroler ins Land, die auch als erste jenen Landstrich bewohnten, wo später die Stadt Petropolis als Sommerresidenz der portugiesischen Könige errichtet wurde.

Dem Bevölkerungsaustausch lagen einerseits die ärmlichen Lebensbedingungen in den ruralen Gebieten Europas zugrunde, anderseits sollten europäische Billigarbeiter auch jene Löcher stopfen, die im brasilianischen Arbeitsalltag durch das Verbot der Einfuhr afrikanischer Sklaven entstanden war.

Wie viele „Untertanen des Kaiserhauses“ bis Ende des 19. Jahrhunderts ihr Glück in Brasilien suchten, ist laut der Südamerika-Forscherin Ursula Prutsch von der Universität München nur noch schwer nachvollziehbar. Einerseits fehlte es an Statistiken, andererseits kamen die Auswanderer aus allen Teilen der Monarchie. Eine „ethnische Zuordnung“ ist heute nicht mehr möglich.

Manche brasilianische Staaten - wie Sao Paulo - verfolgten damals eine geradezu aggressive Einwanderungspolitik. Auch tausenden Österreichern wurden die Reisekosten vorgestreckt und Starthilfen für landwirtschaftliche Existenzgründungen gegeben. Dokumentarisch belegt ist, dass 1919 nach dem Zerfall der Monarchie 850 arbeitslos gewordene k.u.k-Soldaten - darunter zahlreiche in der neu ausgerufenen Republik ihres Standes verlustig gegangene Offiziere - unter der Leitung von Rittmeister a. D. Othmar Gamillscheg nach Brasilien übersetzten, weil sie hofften, auf einer ihnen überlassenen Kaffeehazienda schnell zu Reichtum zu kommen.

Die Träume der agrarisch nicht geschulten Glücksritter verflüchtigten sich so schnell wie sie selbst. Die „Aktion Gamillscheg“ zerstreute sich. Die meisten der ehemals enthusiastischen Mitglieder zogen in die Metropole Sao Paulo, wo sie als Lehrer, Pianisten oder Gastwirte ihr Durchkommen fanden.

Einer machte jedoch Karriere: Walther von Schuschnigg, Cousin des späteren Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg, avancierte zum österreichischen Konsul. Er stellte auch die Weichen dafür, dass zwischen 1933 und 1938 fast 800 Österreicher - vordringlich aus Tirol und Vorarlberg - im südlichen Bundesstaat Santa Catarina die Kolonie „Dreizehnlinden“ („Treze Tilias“) besiedelten. Der ehemalige Landwirtschaftsminister Andreas Thaler aus der Wildschönau sicherte sich mit Schuschniggs Fürsprache auch die finanzielle Unterstützung von Ständestaat-Kanzler Engelbert Dollfuß zu.

Ganz im Sinne der Österreich-Ideologie des Ständestaates wurde in Dreizehnlinden das katholische Österreich-Bewusstsein hochgehalten, auch als Abgrenzung zu den in der Region bereits existierenden deutschen Kolonien. Nicht wenige der Einwanderer waren zudem Veteranen des Ersten Weltkriegs, die angesichts des neuerlich dräuenden Schlachtens einem Einberufungsbefehl entgehen wollten. Dieser wurde ihnen zwar nach dem „Anschluss“ nach Dreizehnlinden nachgeschickt, einen Zugriff auf die Männer hatte das Deutsche Reich aufgrund diplomatischer Differenzen mit Brasilien freilich nicht.

„Der Vater hat die Briefe gleich verbrannt. Er ist ja nicht deppert und geht zurück, um in den Krieg zu ziehen, hat er g‘sagt“, erzählte die heute 88-jährige Sofie Kandler, die im Alter von neun Jahren nach Dreizehnlinden gekommen war, bei einem Lokalaugenschein im APA-Gespräch. Heute lebt Treze Tilias vom Fremdenverkehr und profitiert maßgeblich von der örtlichen Architektur im Stil eines Tiroler Skiortes.

Während des Nationalsozialismus gab es einen Exodus jüdischer Flüchtlinge nach Brasilien. Stefan Zweig war dabei am bekanntesten. Während der Schriftsteller am Exil zerbrach und sich das Leben nahm, etablierten sich andere Emigranten federführend im wissenschaftlichen und kulturellen Leben in Brasilien. Sie prägten Brasilien als vielschichtiges, multikulturelles Land. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich Brasilien für einen UNO-Beitritt Österreichs und eine Beschleunigung der Staatsvertragsverhandlungen ein.

Heute sind im Alltagsleben der Brasilianer beispielsweise die Produkte des in Treze Tilias ansässigen Molkerei-Konzerns „Tirol“ präsent. Aber es gibt auch andere rot-weiß-rote Farbtupfer. Nehmen wir etwa den Oberösterreicher Herwig Gangl, der in Belo Horizonte seit zwanzig Jahren eine Brauerei betreibt. Glaubt man brasilianischen Bierfreunden, ist die Cerveja „Austria“ durchaus eine Bereicherung der kulinarischen Vielfalt Brasiliens. Und eigentlich ist Österreich im ganzen Land allgegenwärtig. Die Farbe Gelb in der gelb-grünen Staatsfahne stammt nämlich von den Habsburgern.

(Bilder zu „Dreizehnlinden/Treze Tilias“ wurden am 7. Oktober 2013 versendet. Sie sind im APA-Online-Manager (AOM) abrufbar.)