Leopoldina: Österreichische Erzherzogin als Kaiserin von Brasilien

Brasilia/Rio de Janeiro (APA) - Ihre Rolle bei der Staatswerdung Brasiliens wird auch heute noch anerkannt, mehr als 120 Jahre, nachdem das ...

Brasilia/Rio de Janeiro (APA) - Ihre Rolle bei der Staatswerdung Brasiliens wird auch heute noch anerkannt, mehr als 120 Jahre, nachdem das Land zur Republik wurde. „Mutter des Vaterlandes und Mitarbeiterin an unserer glorreichen Unabhängigkeit“ sowie „Patriarchin der Unabhängigkeit“ sind nur zwei der Ehrentitel für die aus Österreich stammende Kaiserin Leopoldina, Gemahlin Kaiser Pedros I.

Die „Poldl“ kam am 22. Jänner 1797 als zweite Tochter des damals noch römisch-deutschen Kaisers Franz II. und seiner zweiten Frau Marie-Therese von Neapel-Sizilien in Wien zur Welt. Kindheit und Jugend der vielfältig begabten und tief gläubigen Erzherzogin fielen in die Zeit des Aufstiegs und Falls von Napoleon Bonaparte - und damit in die Zeit der tiefen Erniedrigung und des Wiederaufstieges der österreichischen Monarchie.

Leopoldina willigte in den Wunsch ihres Vaters (inzwischen als erster österreichischer Kaiser Franz I.) ein, auf Betreiben von Staatskanzler Fürst Metternich den portugiesischen Thronfolger Pedro zu ehelichen. Dabei trafen einander die Interessen Österreichs und Portugals, dessen König Joao (Johann) VI. sich 1807 vor den Franzosen nach Brasilien zurückgezogen hatte.

Joao wollte durch eine Verbindung mit einer großen europäischen Dynastie Portugals Ansehen erhöhen und den übermächtigen britischen Einfluss in seinen Ländern mindern. Metternich erhoffte sich engere Beziehungen zu Portugal und wollte in der westlichen Hemisphäre angesichts entstandener bzw. im Entstehen begriffener Republiken das monarchische Element stärken.

Aber auch Leopoldina wollte, nicht zuletzt wegen ihres Interesses für Natur und Naturwissenschaften, Amerika kennenlernen, hatte aber etwas naiv-romantische Vorstellungen von ihrer Zukunft und ihrer künftigen Heimat. Am 13. Mai 1817 erfolgte in der Augustinerkirche in Wien die Trauung per procuram.

Als ein liberaler Aufstand in Portugal 1820 die Rückkehr des Hofes nach Lissabon immer dringender machte, verließ Joao Brasilien im April 1821 und ließ Pedro als Regenten zurück. Leopoldina gelang es vor dem Hintergrund einiger Aufstände, die niedergeschlagen werden mussten, Pedros Rückkehr nach Lissabon zu verzögern. Am 9. Jänner 1822 entschied sich Pedro endgültig zum Verbleib in Brasilien und ging immer mehr auf Konfrontationskurs mit dem Mutterland.

Als am 28. August ein Schiff die Cortes-Beschlüsse zur Rückkehr Brasiliens in den Status einer Kolonie und zum Entzug der Vollmachten des Prinzregenten überbrachte, war das Maß voll: Ein Staatsrat unter Vorsitz Leopoldinas beschloss die Unabhängigkeit des Landes, die Dom Pedro mit den Worten „Unabhängigkeit oder Tod“ verkündete.

Am 12. Oktober 1822, seinem 24. Geburtstag, wurde Pedro zum Kaiser Brasiliens ausgerufen, am 1. Dezember gekrönt. Als Kaiserin kümmerte sich Leopoldina sehr um das unabhängige Brasilien. Die ersten deutschen Einwanderer, die dem Land einen für seine Entwicklung wichtigen Mittelstand schufen, wurden von ihr persönlich willkommen geheißen. Ferner setzte sie sich für die internationale Anerkennung ihres Landes ein, Portugal tat dies zum Teil unter österreichischem Druck 1825.

Dem Triumph folgte die persönliche Tragik Leopoldinas. Vor seiner Krönung hatte Pedro Dona Domitilla, Tochter eines Maultierhalters, kennengelernt, die er in der Folge zur Mätresse und ersten Hofdame der Kaiserin machte. Pedro demütigte seine Frau immer mehr, stellte sie unter Hausarrest, zuletzt misshandelte er sie nach einer heftigen Auseinandersetzung.

Seelisch und körperlich gebrochen starb Leopoldina nach einer Fehlgeburt am 11. Dezember 1826 kurz vor ihrem 30. Geburtstag. Die Anteilnahme der Bevölkerung an den Trauerfeiern für die „Märtyrerin“ Leopoldina war eine einzige Bloßstellung Pedros, seiner Mätresse und seiner Hofschranzen. 1831 musste er zugunsten seines 1825 geborenen Sohnes Dom Pedro II. abdanken und sich nach Portugal zurückziehen, wo er 1834 starb.

Seit 1954 ruht Leopoldina an der Seite ihres Mannes in der Krypta des Unabhängigkeitsdenkmals im Stadtteil Ipiranga von Sao Paulo. 1972, anlässlich des 150-Jahr Jubiläums der Unabhängigkeit Brasiliens, wurde ihr eine besondere Ehre zuteil: Das Erziehungsministerium wies die Schulen in ganz Brasilien an, die erste Kaiserin des Landes als „Vorbild für die brasilianischen Mütter“ darzustellen.