Vor 125 Jahren Sturz der Monarchie in Brasilien

Rio de Janeiro/Wien (APA) - Vor 125 Jahren, am 15. November 1889, wurde in Brasilien die seit der Unabhängigkeit von Portugal herrschende Ka...

Rio de Janeiro/Wien (APA) - Vor 125 Jahren, am 15. November 1889, wurde in Brasilien die seit der Unabhängigkeit von Portugal herrschende Kaiserdynastie Braganca durch einen unblutigen Militärputsch gestürzt. Dieser Zäsur in der Geschichte des größten Landes Südamerikas waren jahrelange Differenzen um die Abschaffung der Sklaverei vorangegangen, die das Ansehen von Kaiser Dom Pedro II. untergruben, der ins Exil ging.

Brasilien hatte sich 1822 - im Gegensatz zu den ehemaligen spanischen Kolonien in der Neuen Welt - ohne Kämpfe vom Mutterland Portugal gelöst. Nach der Rückkehr der portugiesischen Königsfamilie aus Brasilien, wohin sie 1807 vor den Truppen Napoleons geflüchtet war, war der mit der österreichischen Erzherzogin Leopoldina, einer Tochter von Kaiser Franz I. vermählte Thronfolger Pedro im Land verblieben, wo er nach der Unabhängigkeit zum Kaiser proklamiert wurde.

1831 dankte er zugunsten seines 1825 geborenen Sohnes Dom Pedro II. ab, um nach Portugal zu reisen, um sich in die Auseinandersetzungen zwischen liberalen und konservativen Kräften einzuschalten, die den dort herrschenden Zweig der Königsfamilie Braganca spalteten und für unruhige Zeiten im Land sorgten.

Nach einer mehrjährigen Regentschaft bestieg Dom Pedro II. mit 15 Jahren am 23. Juli 1840 definitiv den brasilianischen Kaiserthron. Seine Regierungszeit brachte Brasilien einen bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung. Holzgewinnung und Zuckerrohranbau, die bis dahin die Wirtschaft des Landes dominiert hatten, wurden durch Kaffee- und Kautschukproduktion weitgehend abgelöst, dabei gewannen die Südprovinzen des Landes wirtschaftlich allmählich ein Übergewicht über die nördlichen Provinzen. Schon Dom Pedro I. hatte die ersten Kolonialisten , vor allem Deutsche, in das Land geholt, bis 1889 sollten über 800.000 Europäer in Brasilien einwandern.

Dom Pedro II. war ein an Kunst und Wissenschaft interessierter Mensch, ihm lag auch die Förderung des Erziehungswesens sehr am Herzen, wie er auch die wirtschaftliche Entwicklung Brasiliens energisch vorantrieb. Außenpolitisch führte der Kaiser einen Krieg gegen Argentinien, in dessen Verlauf der dortige Diktator Manuel Rosas gestürzt wurde. Paraguays Diktatoren aus der Familie Solano verwickelten ihr Land 1865 in einen äußerst verlustreichen fünfjährigen Krieg gegen alle Nachbarn.

Obwohl Brasilien 1870 auf der Siegerseite stand, hatte es große Verluste an Menschenleben und zerrüttete Finanzen zu beklagen. Innenpolitisch konnte der Kaiser ein Gleichgewicht zwischen liberalen und konservativen Kräften wahren und so zum eigentlichen Leiter der brasilianischen Politik werden.

Allmählich wurde die Frage der Aufhebung der Sklaverei zum innenpolitischen Hauptproblem Brasiliens. Aufgrund eines Vertrages mit Großbritannien war schon seit 1831 die Sklaveneinfuhr untersagt. 1850 wurde ein Gesetz erlassen, das die Sklaverei im Land verbot, aber keinerlei Wirkung erzielte. 1871 wurden Kinder von Sklaven für frei erklärt, auch konnten sich ab diesem Zeitpunkt Sklaven von ihrem Status freikaufen.

Extreme „Abolitionisten“ unter Führung von Ruy Barbosa und Joaquim Nabuco waren damit aber nicht zufrieden, sie wurden bei ihren Bestrebungen nach totaler Aufhebung der Sklaverei von der kleinen, 1870 gegründeten Republikanischen Partei des Landes unterstützt. Der Kaiser, der persönlich gegen Sklaverei war, wollte keine plötzliche und radikale Lösung dieses Problems wegen möglicher negativer Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes.

Doch mit seiner persönlichen Gegnerschaft gegen die Sklaverei entfremdete er sich konservativen Kräften, die die stärkste Stütze der Monarchie waren. Die liberalen Kräfte gingen auf Distanz zu Dom Pedro, weil sie von ihm eine viel stärkere Unterstützung für die Aufhebung der Sklaverei erwarteten, auch verlangten die Liberalen eine Wahlrechtsreform im Land. Weil Dom Pedro den Bann der Katholischen Kirche gegen die Freimaurer ablehnte, verdarb er es sich auch mit der Kirche.

Während einer Europareise des Kaisers ließ sich die mit einem französischen Grafen verheiratete Thronfolgerin Isabel durch die „Goldenen ‚Gesetze vom 13. Mai 1888 zur endgültigen Aufhebung der Sklaverei im Land hinreißen, womit die Monarchie bei konservativen Kreisen jeden Kredit verloren hatte.

Äußerer Anlass zum Sturz der Monarchie waren aber Probleme beim Militär - gelockerte militärische Disziplin und Ausbreitung republikanischer Propaganda in den Reihen des Militärs. Ungeschickte Gegenmaßnahmen der Regierung führten zu einem von der Republikanischen Partei veranlassten Aufstand der Garnison von Rio de Janeiro unter Führung von Marschall Manoel da Fonseca, in dessen Verlauf die kaiserliche Familie in ihre Gewalt kam.

Am 15. November 1889 dankte Dom Pedro II. ab und verließ Brasilien in Richtung Europa mit den Worten, er unternehme diesen Schritt „zum Wohl Brasiliens“. Seiner Haltung war es zu verdanken, dass der Militärputsch ohne Blutvergießen ablief. Dom Pedro starb am 5. Dezember 1891 in Paris.

Marschall Deodoro da Fonseca wurde erster provisorischer Präsident der Republik Brasilien. Die republikanische Verfassung vom 24. Februar 1891 lehnte sich an jene der USA an: vierjährige Amtszeit des Präsidenten, Umwandlung der Provinzen in Bundesstaaten mit beträchtlicher Autonomie, Trennung von Staat und Kirche und Abschaffung aller Adelstitel.

Die ersten Regierungen der jungen Republik waren aufgrund von Revolten in Heer und Marine einander ablösende Militärdiktaturen. Erst unter Präsident Prudente de Morales (reg. 1894-1898) trat eine innenpolitische Konsolidierung ein. Die nach dem Sturz der Monarchie folgende Zerrüttung der Finanzen wurde unter seinem Nachfolger Manoel Ferraz de Canyos Salles (reg. 1898-1902) überwunden.

In der langen (1910-1912) von J. Rio Branco geleiteten Außenpolitik wurden durch Abmachungen bzw. Schiedssprüchen mit den Nachbarn Grenzfragen meist zugunsten von Brasilien geregelt. Trotz innenpolitischer Turbulenzen ging bis zum Ersten Weltkrieg (während dem Brasilien dem Deutschen Reich am 26. Oktober 1917 den Krieg erklärte), die wirtschaftliche Entwicklung des Landes ungestört weiter.