Casa Stefan Zweig in Petropolis: „Es braucht naive Menschen...“

Rio de Janeiro (APA) - Petropolis. Rua Goncalves Dias 34, am Rande des schmucken Stadtzentrums. Eine steile Treppe führt hinauf in die „Casa...

Rio de Janeiro (APA) - Petropolis. Rua Goncalves Dias 34, am Rande des schmucken Stadtzentrums. Eine steile Treppe führt hinauf in die „Casa Stefan Zweig“, wo der Autor auf der Flucht vor den Nazis und dem Zweiten Weltkrieg im brasilianischen Exil seine letzten Monate verbrachte, ehe er sich gemeinsam mit seiner zweiten Frau Lotte am 23. Februar 1942 das Leben nahm. Seit 2012 ist das kleine Haus eine Gedenkstätte.

Die Initiative dafür hatte bereits sechs Jahre zuvor der Journalist Alberto Dines ergriffen. Dines ist 82 Jahre alt und in Brasilien kein Unbekannter. Trotz seines betagten Alters bestreitet er jeden Mittwoch die TV-Talkshow „Observatorio de Imprensa“ („Observatorium der Presse“). Sein Interesse für Stefan Zweig sei einem zufälligen Kindheitserlebnis zu verdanken, erzählt er in einem Gespräch mit der APA.

Alberto wuchs in Petropolis auf und ging dort in eine „jiddische“ Schule. „Als ich acht oder zehn Jahre alt war, ist Stefan Zweig auf Besuch gekommen. Es war ein großes Ereignis, weil er war damals sehr berühmt. Es wurden Fotos gemacht. Es hat bis in den Nachmittag gedauert und wir hatten keinen Unterricht. Das war wunderbar.“

Wie Zweig war auch sein Herausgeber Jude, und dieser wollte ihm die jüdische Gemeinde in Petropolis näherbringen. Dines kannte Zweig freilich schon von zuhause. Sein Vater hatte ein Bild des Schriftstellers an der Wand hängen. „Mit einem Autogramm. Ich wusste also, dass der Mann sehr wichtig ist und gute Bücher geschrieben hat.“ Dann nahm Zweig Morphium. „Sein Selbstmord war ein Riesenthema in den Zeitungen. Mein Vater war bestürzt und hat auch seinen Sarg getragen.“

Als Teenager las Alberto Dines dann die meisten Werke Zweigs. „Für meine Generation war er ein Symbol für Frieden und Nostalgie, auch wegen seines Suizids.“ Zum 100. Geburtstag des Autors im Jahr 1981 schrieb Alberto Dines die Biografie „Tod im Paradies. Die Tragödie des Stefan Zweig“, die seither mehrere überarbeitete Auflagen erlebte und auch ins Deutsche übersetzt wurde. „Ich hatte Zeit, weil ich gerade arbeitslos war.“ In Brasilien herrschte die Militärdiktatur, und Dines war wegen zu kritischer Kommentare von seiner Zeitung „Folha do Sao Paulo“ gefeuert worden.

Jahre später reifte der Gedanke, Zweigs Wohnhaus in Petropolis, der in den Bergen über Rio de Janeiro gelegenen Sommerresidenz der brasilianischen Könige, als Gedenkstätte zu adaptieren. Es hatte über die Jahrzehnte mehrmals den Besitzer gewechselt und war zunehmend heruntergekommen. Nach jahrelangem Ringen um die Finanzierung sowie einem Infight mit der Bürokratie wurde das Projekt letztlich - auch mit offizieller Hilfe aus Deutschland und Österreich - in die Tat umgesetzt.

Das Resultat kann sich sehen lassen. Details wie Fensterläden oder Türschnallen sind noch im Original erhalten, sonst wurde das rund 100 Quadratmeter große Haus aber ausgehöhlt und zu einem modernen Schauraum mit Infoscreens, Videoinstallationen und interaktiven Computerinstallationen umgestaltet. Am Rande steht eine Pappfigur. Stefan Zweig in Lebensgröße. Mit verschmitztem Lächeln.

„Da kann man sehen, dass Zweig als Mensch vielleicht etwas anders war, als wir ihn aus seinen Büchern kennen“, meint dazu Lando Kirchmayr. Durchaus pfiffig nämlich. Kirchmayr leistet als Gedenkdiener seinen Ersatz-Zivildienst ab. Seine Hauptaufgabe ist ein Projekt zur Erforschung europäischer Exilanten in den 1930er und 40er-Jahren, die in Brasilien Zuflucht fanden und ihre Spuren hinterlassen haben.

200 wurden bisher erforscht, von denen nun Biografien auf Deutsch, Englisch und Portugiesisch erstellt werden. 400 sollen es werden. Außerdem führt der junge Völkerrechtler aber auch Gäste durch die „Casa Stefan Zweig“.

Eine Dokumentation ist dem Buch „Brasilien. Land der Zukunft“ gewidmet. Stefan Zweig wurde für dieses Werk heftig durchgebeutelt. Zwar war die mit großer Verve verfasste Beschreibung Brasiliens absolut lebendig, großteils zutreffend und bis heute gültig, doch idealisierte er seinen Zufluchtsort auch und ließ Komponenten wie Rassismus oder soziale Ungerechtigkeiten in einem allzu schönen, realitätsfernen Licht erscheinen. Besonders scharfe Zungen sagten Zweig nach, ein Auftragswerk für den damals regierenden Diktator Getulio Vargas verfasst oder dafür zumindest Geld kassiert zu haben.

Alberto Dines winkt ab: „Das ist Unsinn. Zweig war ein steinreicher Mann, er hat das Geld nicht gebraucht. Es hat ihn aber sehr geschmerzt, dass das so dargestellt wurde.“ Den Vorwurf der Naivität lässt der 81-Jährige freilich gelten, sieht aber nichts Negatives dabei: „Es braucht naive Menschen, um die Welt zu verbessern. Die Brasilianer haben Stefan Zweig einfach nicht verstanden. Er hat die brasilianische Gesellschaft so beschrieben, wie sie sein hätte sollen. Aber das haben die Menschen nicht kapiert.“

Unterhalb der luftigen Veranda warten überdimensionale Könige, Damen, Türme und Rösser auf spielwillige Gäste. Ein Verweis darauf, dass Zweig hier seine „Schachnovelle“ schrieb. Aber auch darauf, dass die „Casa Stefan Zweig“ als Bildungsstätte fungieren soll. „Wir arbeiten mit Schulen zusammen, damit die Kinder zum Beispiel Schachspielen lernen“, sagt Gedenkdiener Kirchmayr. So können sie spielerisch einen Zugang zu Stefan Zweig und seinem Werk gewinnen. „Schach war ja seine große Leidenschaft.“

( S E R V I C E - Stefan Zweig: „Brasilien. Ein Land der Zukunft“, Insel-Verlag, 312 Seiten, 10,30 Euro. ISBN 978-3-458-35908-1; Alberto Dines: „Tod im Paradies. Die Tragödie des Stefan Zweig“, Aus dem Portugiesischen von Marlen Eckl. 724 Seiten, 30,80 Euro, Edition Büchergilde, ISBN 978-3-936428-64-3; http://www.casastefanzweig.org)