Das andere Petropolis: „Wir wollen Schulen mit FIFA-Standard“

Rio de Janeiro (APA) - An der schmucken Stadt Petropolis, der früheren Sommerresidenz der brasilianischen Kaiser in den Bergen oberhalb von ...

Rio de Janeiro (APA) - An der schmucken Stadt Petropolis, der früheren Sommerresidenz der brasilianischen Kaiser in den Bergen oberhalb von Rio de Janeiro, kommt kein Reiseführer vorbei. Die Beschreibungen des imperialen Palastes und der umliegenden Villen strotzen dann vor verzückten Superlativen. Abseits der schmucken historischen Altstadt gibt es aber auch brasilianische Alltagsrealität. Die ist durchaus ernüchternd.

Der Journalist Alberto Dines betitelte ein Buch über den Autor Stefan Zweig, der in Petropolis im Exil lebte und sich hier 1942 das Leben nahm mit „Tod im Paradies“. „Paradies?“ Juliana Oliveira kann darüber nur lachen. „Komm mit! Wir zeigen Dir die andere Seite von Petropolis!“ Die junge Journalistin verdient sich mit mehreren Jobs ihr Leben. Unter anderem macht sie die Medienarbeit für das „Centro de Defesa do Direitos Humanos (CDDH)“ („Zentrum zur Verteidigung der Menschenrechte“), einer NGO, die Ende der 1970er Jahre unter anderem vom in Kirchenkreisen umstrittenen Befreiungstheologen Leonardo Buff gegründet worden war.

Gemeinsam mit Rafael Coelho Rodrigues, dem Leiter des CDDH, springt Juliana in einen Kleinwagen. Für eine Tour, die an der etwas außerhalb des Zentrums gelegenen „Casa Zweig“ vorbeiführt, der letzten Wohnstätte des ins Exil geflüchteten Schriftstellers. Hier schluckte er auch die Giftampulle. Dann geht es ein Wegstück weiter eine sehr steile Rumpelpiste hinauf. Sie führt in ein verwahrlostes Viertel mit Lehm- und Wellblechhüten oder primitiven Steinhäusern, die bei starken - aber nicht seltenen - Regengüssen oft einfach weggeschwemmt werden.

Der Weg ist extrem abschüssig. Linienbusse verirren sich hierher nicht. Wer oben wohnt, braucht schon eine sehr gute Kondition. „Jetzt weißt Du, warum die Brasilianerinnen so schöne Beine haben“, scherzt Juliana mit einem Schuss Sarkasmus. Andernorts in Brasilien würde man so eine Siedlung Favela nennen. Nicht in Petropolis, hier spricht man euphemistisch von der „Siedlung am Hang“. „Bei uns gibt es immer noch eine starke Bourgeoisie“, meint Juliana. „Sie sagt, in Petropolis gibt es keine Favelas. Das passt nicht in ihr Bild. Es stimmt aber nicht.“

Juliana und Rafael müssen es wissen. Im CDDH betreuen sie mehrere Kinder- und Jugendprojekte, die unter anderem von der Österreichischen Dreikönigsaktion unterstützt werden. Nachmittags sind acht Pädagogen für soziales Lernen im Einsatz. Die Jugendlichen kommen teilweise aus Vierteln wie jenem „am Hang“, aber auch aus Familien, die von der Staatsstatistik als „neuer Mittelstand“ eingestuft werden. Vom Lebensniveau eines europäischen Mittelständlers sind sie freilich weit entfernt.

„Florescer“ heißt eines der Projekte. Die Mädchen und Burschen singen dort am Nachmittag in einem Chor oder spielen auf selbst gebauten Instrumenten aus Rohren und Kanistern „Brasil-Funk“. Eine lokale Version des Hip-Hop mit Wurzeln in der Subkultur der Favelas. Beim Gärtnern in kleinen Beeten lernen sie, wie man Salat und Gemüse ziehen und so auch schmale Familienbudgets entlasten kann. Im Keller ist eine Kunstwerkstätte untergebracht. Hier werden aus reinen Naturprodukten wie Blättern, Rinden oder Trockenfrüchten bezaubernde Glückwunschkarten oder Bilder produziert. „Die Karten verkaufen wir bis nach Russland und Kanada“, erzählt Projektleiter Rafael mit sichtbarem Stolz.

„Wir wollen den Jugendlichen auch zeigen, dass sie sich mit ihrem Schicksal nicht abfinden müssen“, erklärt Juliane die Hintergründe der vielfältigen Initiativen, „dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen können. Wir sagen ihnen, dass sie sich in ihrer Gemeinde, ihrer engeren Gemeinschaft, organisieren und engagieren müssen. Dann werden sie stark genug sein, auch gegen größere Probleme und Ungerechtigkeiten anzukämpfen.“

Ungerechtigkeiten gibt es ihrer Meinung nach viele. Zwar habe der Staat in den vergangenen Jahren unter Präsident Luiz Inacio Lula da Silva und seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff mit Aktionen wie „Bolsa Familia“ („Familienbörse)“ und „Fome zero“ („Null Hunger“) soziale Akzente gesetzt, aber das sei viel zu wenig. „Fome zero“ unterstützte vor allem indigene Familien bei der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln, „Bolsa Familia“ ist eine Art Familiengeld für die Allerärmsten, dessen Auszahlung daran gebunden ist, dass auch alle Kinder eine Schule besuchen.

„Das ist aber nicht genug“, wettern Juliana und Rafael und andere Aktivisten stimmen zu. „Gerade von Lula haben wir uns viel mehr erwartet.“ Als der frühere Gewerkschaftsführer 2002 gewählt wurde, wuchsen die Träume in den Himmel. „Wir haben gedacht, jetzt wird alles besser. Aber es änderte sich fast nichts.“ Ein Kernpunkt des aktuellen Programms von „Florescer“ ist es, den Jugendlichen die Geschichte Brasiliens anhand der Militärdiktatur (1964 bis 1985) näherzubringen. Noch immer würden Tausende Menschen vermisst. Auch die aktuelle Regierung von „Dilma“ - früher selbst Kämpferin gegen die Militärs - kümmere sich nicht um die Aufklärung. „Jetzt haben wir eine Initiative dazu gestartet.“

„Wir übernehmen die pädagogische Rolle, die der Staat nicht erfüllt“, empört sich Chorleiter Carlos Eduardo Fecher. Die öffentlichen Schulen sind mies und die Lehrer unterbezahlt“, ergänzt Juliana. Privatschulen mit Kosten von um die 600 Euro pro Kind und Monat können sich aber nur wenige leisten.

Daher kann man im CDDH auch den kommenden Großereignissen wie der Fußball-WM 2014 und den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro nur wenig Positives abgewinnen. „Anfangs haben wir uns sogar gefreut. Auch weil wir dachten, dass unser Land jetzt einen Modernisierungsschub erleben wird. Aber mittlerweile sind wir ernüchtert“, bilanziert Juliana. „Die Kosten sind viel höher als geplant und die neue Infrastruktur kommt allenfalls den Touristen zugute. Aber niemals der Bevölkerung.“

Und viel wichtiger als moderne, elegante, komfortable Fußball-Stadien wären ihrer Meinung nach wohl Investitionen in marode Bereiche wie das Bildungs- oder Gesundheitswesen gewesen. Seit Wochen macht in Brasilien ein Slogan die Runde: „Saude e educacao no padrao FIFA!“. Soll heißen: „Wir wollen Spitäler und Schulen nach FIFA-Standard!“

(S E R V I C E - http://www.cddh.org.br bzw. http://www.dka.at)