Wirtschaftsdelegierter in Brasilien: „Probleme, aber weiter Chancen“

Sao Paulo (APA) - Trotz erheblichen Verbesserungspotenzials und der weltweiten Wirtschaftsprobleme, ist Brasilien weiterhin ein ökonomisch a...

Sao Paulo (APA) - Trotz erheblichen Verbesserungspotenzials und der weltweiten Wirtschaftsprobleme, ist Brasilien weiterhin ein ökonomisch aufstrebendes Land mit einem gehörigen Potenzial und ebensolchen Chancen, auch für österreichische Unternehmen. Diese Ansicht äußerte Stefan Nemetz vom Österreichischen Außenwirtschafts-Center in Sao Paulo (Wirtschaftskammer/WKO) in einem APA-Interview.

Die Proteste in Brasilien im Vorfeld der Fußball-WM-Endrunde vom 12. Juni bis 13. Juli seien auch darauf zurückzuführen, dass versprochene Reformen meist nicht umgesetzt wurden, meinte der stellvertretende österreichische Wirtschaftsdelegierte im größten Land Lateinamerikas.

Zudem hätten neue Sportstätten für die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro am Ende das Dreifache gekostet, als ursprünglich geplant. Das stehe in krassem Gegensatz zu den Problemen, die sich beispielsweise im Personentransport der Megastädte Sao Paulo und Rio de Janeiro auftun.

APA: Brasilien gehört zu den BRICS-Staaten und wird daher zu den aufstrebenden Staaten der Welt gewertet. Gilt das immer noch?

Nemetz: Ja, definitiv! Trotz manch logistischem Engpass und teilweise verbesserungsbedürftiger Verwaltung, kommt man schon jetzt an Brasilien nicht mehr vorbei. Das Land ist sowohl was Fläche als auch Einwohnerzahl betrifft das fünftgrößte der Welt. Es besitzt unglaubliche Bodenschätze, gigantische landwirtschaftliche Nutzflächen und hat bereits heute eine stark diversifizierte Industrie mit Firmen wie Petrobras, Odebrecht, Vale oder Embraer, die zu Recht als weltweite Topunternehmen Ihrer Branche gelten. Eine junge, dynamische Bevölkerung, mit einem Durchschnittsalter von 29 Jahren bildet die Basis für eine erfolgreiche Zukunft. Dass es für Brasilien weiter aufwärts gehen wird, steht für mich fest.

APA: Welche Chancen haben österreichische Firmen in Brasilien? Was bewegen dort Projekte wie Fußball-WM und Olympia?

Nemetz: Österreichische Firmen haben sowohl als Exporteure als auch mit lokaler Niederlassung im Lande große Chancen. Österreich hat in den letzten Jahren jedes Jahr neue Rekorde bei den Brasilien-Exporten erzielt und mit mehr als 200 österreichischen Niederlassungen kann sich die heimische Firmenpräsenz mehr als sehen lassen. Wer jetzt noch nicht da ist, kann das noch ändern, es ist noch nicht zu spät. Das Außenwirtschaftscenter Sao Paulo unterstützt österreichische Firmen beim Markteintritt und danach. Rio de Janeiro ist aufgrund der Olympischen Spiele 2016 derzeit die heißeste Stadt der südlichen Erdhalbkugel. Seit Anfang 2012 gibt es das Außenwirtschaftsbüro Rio de Janeiro, welches österreichische Firmen beim Einstieg in den Markt am Zuckerhut gezielt unterstützt.

APA: Wie hat sich der österreichische Handelsverkehr mit Brasilien entwickelt?

Nemetz: Durch die stabile wirtschaftliche Entwicklung Brasiliens in den letzten sieben bis acht Jahren haben sich die österreichischen Exporte in das Land in diesem Zeitraum mehr als vervierfacht und zuletzt die Ein-Milliarden-Euro-Grenze überschritten. Brasilien ist mittlerweile der vierwichtigste Handelspartner Österreichs in Übersee (nach den USA, China und Japan). Das Gute ist, dass dieses Wachstum nicht aufgrund einzelner Großaufträge zustande kam, sondern auf einer breiten Basis steht. Durch die Abwertung der Währungen in den Schwellenländern Brasilien, Indien und Südafrika in den letzten Monaten sowie die dadurch verursachte Verteuerung von Importen wird es wohl heuer erstmals seit Langem keine zweistelligen Zuwachsraten bei den Exportzahlen geben. Mittelfristig gesehen ist aber noch viel Raum für Exportwachstum nach Brasilien drinnen.

APA: In den vergangenen Wochen und Monaten haben heftige Proteste das Bild des aufstrebenden Landes etwas ins Wanken gebracht. Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen für die Demonstrationen?

Nemetz: Das Land steht zwar laut Aussagen der brasilianischen Politiker super da, allerdings kommt das nicht allen Bevölkerungsschichten in gleichem Ausmaß zu Gute. Die versprochenen Reformen wurden meist nicht umgesetzt. Neue Sportstätten, die am Ende das Dreifache gekostet haben wie ursprünglich geplant, stehen in krassem Gegensatz zu den Problemen, die sich im Personentransport der Megastädte Sao Paulo und Rio de Janeiro auftun. Auch die Situation im öffentlichen Gesundheitswesen ist nicht gerade einfach. Während des Confederations Cups, als Brasilien im Rampenlicht des weltweiten Medieninteresses stand, haben die Brasilianer meiner Meinung nach Dampf abgelassen und gezeigt, dass, wenn sich die Politiker dieser Themen nicht ernsthaft annehmen, Ihnen die Wähler bei der bevorstehenden Präsidentschaftswahl 2014 die Rechnung präsentieren werden.

APA: Hat der vermeintliche Wirtschaftsaufschwung die soziale Kluft in Brasilien verstärkt oder verkleinert?

Nemetz: Wenn man sich die Entwicklung des Gini-Koeffizienten anschaut, der diese Relation ziemlich genau widerspiegelt, kann man feststellen, dass sich in den letzten 10 bis 15 Jahren die soziale Kluft in kaum einem anderen Land stärker verringert hat als in Brasilien. Allerdings ist in den letzten zwei bis drei Jahren diese Entwicklung fast zum Stillstand gekommen und die Menschen fordern von den Politikern, dass sie weiterhin zum Abbau dieser sozialen Kluft beitragen.

APA: Hätte man sich von Politikern wie (Luiz Inacio) Lula da Silva und Dilma Rousseff nicht eine andere Sozial- und Umweltpolitik erwarten können?

Nemetz: Die Parteienlandschaft Brasiliens, die früher relativ einfach in PT (links) und PSDB (liberal-konservativ) aufgeteilt war, kommt immer mehr ins Wanken. Kritik an der Regierung von Präsidentin Dilma kommt sowohl von Links als auch von Rechts. Einerseits sind viele Leute nicht mit der Sozial- und Umweltpolitik zufrieden, andererseits hat die Regierung aber auch vergessen, der brasilianischen Wirtschaft zu helfen. Die hohen Steuern und der hohe Wechselkurs haben der lokalen Industrie ziemlich viel an Wettbewerbsfähigkeit weggenommen. Nachdem sich der Wechselkurs des Real zuletzt bereits auf einem realistischeren Niveau eingependelt hat, wären halt jetzt auch noch Steuerreformen dringend nötig.

APA: Wie beurteilen Sie umstrittene Großprojekte wie den Belmonte-Staudamm im Amazonas-Gebiet, gegen den u.a. Bischof Kräutler Sturm läuft? Da ist ja auch Andritz engagiert...

Nemetz: Man kann über alle Projekte diskutieren, allerdings steht fest, dass Brasilien fürs Wachstum Strom braucht und die Dilma-Regierung deshalb an dem Projekt festhält. Brasilien erzeugt über 75 Prozent seines Stroms aus erneuerbarer Wasserkraft und das ist für Firmen, die in diesem Bereich tätig sind, eine große Chance. Mir ist es ehrlich gesagt lieber wenn österreichische Spitzentechnologie zum Zug kommt, anstatt Billiganbieter, die aus Ländern kommen, wo Umweltschutz überhaupt kein Thema ist. Positiv ist, dass sich Bischof Kräutler lautstark für die benachteiligten Menschen einsetzt. Dies zwingt unter anderem auch die brasilianische Regierung dazu, nicht länger die Augen zu verschließen und Maßnahmen zu ergreifen, die den Leuten vor Ort helfen.

APA: Können Projekte wie die Fußball-WM oder Olympia auch für die Bevölkerung positive Effekte haben? Oder werden da Ressourcen für Stadien etc. verschwendet, die zu wenig oder gar keine Nachhaltigkeit haben?

Nemetz: Im Zuge der Fußball WM und der olympischen Spiele wurden viele wichtige Projekte im Infrastrukturbereich umgesetzt, die dem Land einen Modernisierungsschub verpasst haben. Klar ist bei solchen Großereignissen nicht alles gut oder schlecht, für mich steht aber fest, dass die positiven Aspekte bei weitem überwiegen. Die Großereignisse haben sich auch sehr positiv auf das Selbstbewusstsein der Brasilianer ausgewirkt und als Land wird Brasilien auch die kommenden Jahre hindurch weiterhin im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit stehen.

(Das Interview führte Edgar Schütz/APA)