Brasilien - Benimmregeln und Wissenswertes für Wirtschaftstreibende

Rio de Janeiro/Sao Paulo (APA) - Wer in Brasilien Geschäfte machen will, muss sich erst an örtliche Gepflogenheiten adaptieren. Christoph Ro...

Rio de Janeiro/Sao Paulo (APA) - Wer in Brasilien Geschäfte machen will, muss sich erst an örtliche Gepflogenheiten adaptieren. Christoph Robertson vom „AußenwirtschaftsBüro“ der WKO (Wirtschaftskammer) in Rio de Janeiro hat für die APA im Vorfeld der Fußball-WM 2014 ein paar Eigenheiten und Benimmregeln der brasilianischen Gesellschaft bzw. Businesswelt zusammengestellt.

„Wenn man nach Brasilien kommt muss einem eines klar sein, das Land ist etwa hundert Mal so groß wie Österreich, es gibt daher sehr große regionale Unterschiede und es ist schwer einen ‚typischen Brasilianer‘ zu beschreiben. Eines ist jedoch sicherlich bei allen Brasilianern gleich, die generelle Gastfreundlichkeit und die Freude am Leben. Brasilianer sind dafür bekannt, dass sie eher an heute denken als an morgen oder gar übermorgen, das Sprichwort ‚Carpe diem‘ könnte also durchaus auch aus Brasilien stammen.

Auch in der Geschäftswelt sind Brasilianer höfliche und meist gut gelaunte Menschen, Gespräche fangen meist mit Smalltalk (z.B. über das Lieblingsthema Fußball) an, kennt man sich bereits etwas besser spricht man auch z.B. über die Familie. Wichtig ist auf jeden Fall zu wissen, dass Business Meetings in der Regel nicht unbedingt mit Businessthemen anfangen, ein erstes persönliches kennenlernen kann oft wichtiger sein als die „hard facts“ danach.

Viele Europäer (und auch Amerikaner) finden es gewöhnungsbedürftig, dass es bei Brasilianern immer recht viel Körperkontakt gibt. Männer klopfen beim Begrüßen anderen Männern beim Händeschütteln auch auf die Schulter, Frauen werden (je nach Region) ein-, zwei- oder sogar dreimal auf die Wange(n) geküsst. Hier kann es durchaus zu Missverständnissen kommen. Zu beachten ist auf jeden Fall, dass Männer andere Männer nicht auf die Wange küssen wie das zum Beispiel in der arabischen Welt oft üblich ist. In Brasilien wäre das sicherlich ein fast unverzeihlicher faux pas.

Brasilianer sind nicht unbedingt für ihre Verlässlichkeit bekannt, E-Mails werden oft gar nicht oder sehr spät beantwortet und auch telefonisch ist es oft schwer die gewünschte Person zu erreichen. Anders als viele Ausländer denken, sollte man zu Geschäftstreffen pünktlich sein, auch wenn das oft aufgrund des starken Verkehrs in den brasilianischen Großstädten fast unmöglich erscheint.

Von Geschäftspartnern zum Abendessen oder zu einer Aktivität am Wochenende eingeladen zu werden ist in Brasilien durchaus Gang und gebe, wichtig zu wissen ist auf jeden Fall, dass, wenn man um 19.00 Uhr zu einem Grillabend eingeladen wird, man nicht vor 20.00 Uhr erscheinen sollte, da um 19.00 Uhr der Gastgeber wahrscheinlich gerade noch unter der Dusche steht oder erst anfängt, den Griller anzuwerfen.

Es kann auch vorkommen, dass man glaubt, von Brasilianern zum Grillen, zum Mittagessen oder zum Kaffeetrinken eingeladen worden zu sein. Achtung: Wenn ein Brasilianer bei einer Einladung nicht Datum und Uhrzeit nennt, kann es sein, dass er nur aus Höflichkeit sagt. man solle sich treffen, um etwas zu tun, er jedoch gar nicht daran denkt, dass jemals etwas zustande kommt. Es wird in Brasilien meist als unhöflich empfunden, zu etwas ‚Nein‘ zu sagen, Brasilianer bevorzugen daher aus Höflichkeit bei einer Veranstaltung zuzusagen und nicht zu kommen, als von vornherein abzusagen. Bei Einladungen gilt: Am besten ein oder zwei Tage vor der ausgesprochenen Veranstaltung anfragen ob, wann und wo diese stattfinden wird, so erspart man sich auf jeden Fall böse Überraschungen.

Flexibilität und Talent zur Improvisation sind in Brasilien auf jeden Fall zwei Qualitäten, die einem enorm weiterhelfen. Dies bezieht sich so ziemlich auf jede Lebenssituation, besonders aber, wenn man die brasilianische Bürokratie kennenlernt. Einen Führerschein zu beantragen oder ein Bankkonto zu eröffnen kann in Brasilien nämlich mit etwas Pech mehrere Wochen oder Monate dauern. Hier heißt es, einen kühlen Kopf zu bewahren, oftmals ist nicht der kürzeste Wege der schnellste ans Ziel und es Bedarf eines ‚jeitinhos‘ (bedeutet so viel wie „einen Weg finden“), um ein Ziel zu erreichen.

Geduld sollte man auf jeden Fall ebenfalls nach Brasilien mitbringen. Die Verkehrslage in den Großstädten Brasiliens (besonders Sao Paulo und Rio de Janeiro!) hat sich in den letzten Jahren extrem verschlechtert. Es kann schon vorkommen, dass man zu einem Termin innerhalb derselben Stadt mit zwei Stunden Anfahrtszeit (in eine Richtung!) rechnen muss. Nicht umsonst ist Sao Paulo neben New York die Stadt mit den meisten Hubschraubern weltweit, CEOs fliegen von einem Termin zum anderen, anstatt im Auto bzw. Taxi im Stau zu stehen.“

~ WEB http://wko.at ~ APA050 2014-05-19/08:02