Österreichischer Agrarexperte in Brasilien: „Unrecht wird korrigiert“

Salvador de Bahia/Kremsmünster (APA) - „Präsidentin Dilma Rousseff versucht, das unaussprechliche Unrecht zu korrigieren, das 500 Jahre die ...

Salvador de Bahia/Kremsmünster (APA) - „Präsidentin Dilma Rousseff versucht, das unaussprechliche Unrecht zu korrigieren, das 500 Jahre die Menschen ausschloss, die de facto die Güter des Bodens produzieren“. Diese Analyse zur Lage der Bauern in Brasilien äußerte der aus Österreich stammende Agraringenieur Harald Schistek im Vorfeld der Fußball-WM 2014 in einem APA-Interview. Defizite gebe es dennoch genug.

Erste Ansätze zur Kurskorrektur habe es schon unter Präsident Luiz Inacio Lula da Silva gegeben, erklärte der 1942 in Wien geborene Schistek. Er lebt seit 1970 in dem lateinamerikanischen Land und war dort seit seiner Übersiedelung für verschiedene NGOs tätig. Seit Ende der 1980er Jahre leitet Schistek das Regionale Institut für standortgerechten Landbau und Tierhaltung (IRPAA) in Juazeiro im Bundesstaat Bahia.

Die „Lage der Bauern“ in seiner Wahlheimat ist für Schistek eine „komplexe Frage“, die über die Geschichte betrachtet werden müsse: „Im Gegensatz zu den USA, wo die Einwanderer bäuerliche Familien waren, die selbst das Land bestellten und ihre Rinder versorgten, übergab der König von Portugal das gesamte Land an Adelige, reiche Kaufleute oder einflussreiche Politiker. Die meisten von ihnen setzten nie auch nur einen Fuß auf ihr Land. Sie bestellten Verwalter, und die Arbeit wurde von Sklaven verrichtet.“

Sämtliche spätere Landbesitz betreffende Gesetze formulierten die Texte so, dass ein Familienlandwirt nie Eigentümer von Land werden konnte: „Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, durch den Druck Englands gegen die Sklavenwirtschaft, gingen brasilianische Anwerber auf ‚Einwandererfang‘ in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien oder Spanien. Dies passierte jedoch nur in den südlichen Bundesländern Brasiliens. Dort etablierte sich in der Folge eine bäuerliche Familienlandwirtschaft.“

Wenn heute in Brasilien von „Bauern“ geredet werde, sei das eher ein historischer „Unfall“, so Schistek. Die großen Landbesitzer verloren oft das Interesse an ihren Farmen und so konnten sich kleine bäuerliche Produktionseinheiten bilden. „Die Legalisierung, Grundbucheintragung begann aber erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Aber bis heute haben viele Bauern nur ein Stück Papier, dass ‚Recht‘ auf Land gibt, ohne die Grenzen, noch die Abmessungen zu spezifizieren.“

Dieses Stück Papier („posse“ genannt) schütze die Kleinen aber in keiner Weise vor Vertreibung durch Landräuber („Land Grabbing“) oder Großprojekte. Dass sich an der Konzentration des Landes in der Hand Weniger seit Zeiten der portugiesischen Krone wenig geändert hat, könne man an den Zahlen des Landverteilung ablesen: „84,4 Prozent aller landwirtschaftlicher Produktionseinheiten ist in Händen von Bauern (4,4 Millionen in absoluten Zahlen), sie haben aber nur 24,3 Prozent der für Landwirtschaft geeigneten Flächen.“

Auf der anderen Seite würden landwirtschaftliche Unternehmen (15,5 Prozent) 75,6 Prozent der Produktionsflächen belegen, meint Schistek. „Die kleinbäuerliche Landwirtschaft produziert 70 Prozent der Lebensmittel und ist die Existenzgrundlage von 90 Prozent der brasilianischen Munizipien. Das entspricht 35 Prozent des nationalen PIB und beschäftigt 40 Prozent der wirtschaftlich tätigen Bevölkerung Brasiliens und 77 Prozent derer, die landwirtschaftliche Tätigkeiten ausüben.“

Erst seit Ende der 1990er Jahre gibt es ein Ministerium für ländliche Entwicklung. Dadurch habe sich die Situation eines Großteils der Bauern schon verbessert. Obwohl: Der Unterschied zwischen Stadt und Land sei in Brasilien natürlich sehr groß. „Eine Stadt in Brasilien zählt allein mehr Einwohner als ganz Österreich: Sao Paulo. Und eine zweite, Rio de Janeiro, ist fast so groß. Auf der anderen Seite finden wir in Brasilien Mini-Städte von einigen Dutzend Einwohnern.“

In Regionen, in denen Kleinbauern in Vereinigungen und Genossenschaften organisiert sind, finde man mittlerweile alle Errungenschaften der Modernität. „Zu einem Fußballspiel am Sonntag kamen die jungen Männer vor 10, 15 Jahren zu Fuß, auf Eseln oder Fahrrädern. Heute sind diese staubigen Fußballfelder mit Motorrädern gesäumt. Überall gibt es elektrischen Strom, die Leute haben TV Geräte, Mixer, Kühlschränke und Handys.“

Allerdings gebe es noch tausende Familien, die „durch alle Maschen gefallen“ sind. Sie sind Bauern, Tierhalter, haben aber keinen Landtitel, nicht einmal eine Posse. Sie sind von den Beratungs- und Kreditprogrammen für Kleinbauern ausgeschlossen. Präsidentin Dilma Rousseff habe deshalb ein spezielles Beratungsprogramm mit einer „busca ativa“ (aktiven Suche) finanziert, bei der von Haus zu Haus gegangen wird, um diese Familien ausfindig zu machen.“

(Das Interview führte Edgar Schütz/APA)