Die „Zisternen-Affäre“ als Beispiel für Brasiliens Machtverhältnisse

Salvador de Bahia/Wien (APA) - Wenn Harald Schistek ein Beispiel für die Machtstrukturen in Brasilien geben will, erzählt er von der „Zister...

Salvador de Bahia/Wien (APA) - Wenn Harald Schistek ein Beispiel für die Machtstrukturen in Brasilien geben will, erzählt er von der „Zisterne-Affäre“. Vor einigen Monaten hatte der aus Österreich stammende Agraringenieur im Bundesstaat Bahia, der oft unter Wasserknappheit leidet, den Bau von Zisternen forciert. Dann wollte ein Politiker damit reich werden, doch setzten sich Schistek und seine Mitstreiter erfolgreich zur Wehr.

Der 1942 in Wien geborene Schistek lebt seit 1970 in dem lateinamerikanischen Land und war dort seit seiner Übersiedelung für verschiedene NGOs tätig. Seit Ende der 1980er Jahre leitet Schistek das Regionale Institut für standortgerechten Landbau und Tierhaltung (IRPAA) in Juazeiro im Bundesstaat Bahia. „Wir sind hier in der semi-ariden Region Brasiliens“, erklärte Schistek im APA-Gespräch. Das heißt, dass die Verdunstung den Niederschlag pro Jahr in sechs bis neun Monaten übersteigt, womit die Wasserversorgung ein wichtiges Thema ist.

„Zwischen 1979 und 1983 gab es eine große Dürrekatastrophe, da ist der ganze Mais am Feld vertrocknet.“ Zwar könne man die Trockenheit nicht bekämpfen, räumt Schistek ein, doch wurde seither versucht, sich mit den Gegebenheiten anzufreunden. „Wir haben ein Konzept entwickelt, das heißt ‚Convivencia mit dem semi-ariden Klima‘. Wir haben zum Beispiel durchgesetzt, dass die Behörden 30 Prozent der Nahrung, die bei Schulausspeisungen oder in Altersheimen weitergegeben wird, von lokalen Produzenten beziehen.“

Vor allem aber wurde erreicht, dass die Bauern der Region mit Zisternen versorgt werden. Mit Zisternen, die im Gegensatz zu früher nicht importiert, sondern im regionalen Umfeld selbst produziert wurden. Davon profitierten lokale Unternehmer. „Der Maurer zum Beispiel, oder der Installateur. Eine Zisterne kostet 5.000 Reais. Bisher sind 600.000 gebaut worden. Das macht 3 Milliarden Reais.“ Das entspricht rund 970 Mio. Euro.

Wer nun glaubt, dass nun alle in der Region damit zufrieden gewesen wären, kennt Brasilien nicht. In der Vergangenheit habe immer jemand etwas dagegen gehabt, dass das Problem der Wasserversorgung gelöst wird. Schistek: „Vor allem die lokalen Politiker. Weil die haben den Wasserwagen, den Wassertank, immer genutzt, um auf Wählerfang zu gehen. Auch um Wählerstimmen zu kaufen. Der Politiker hat den Wasserwagen gehabt und hat dann gewusst, wenn er den in eine bestimmte Region oder zu einem Wahllokal schickt, dann bringt ihm das so und so viele Stimmen.“

Da die Abhängigkeit vom Wasser bzw. vom Wasserwagen sehr groß war, wagte niemand, seine Stimme nicht für den betreffenden Politiker abzugeben, erläutert der Austro-Brasilianer das System. „Daher wurde das Zisternenbauprogramm von der Politik sehr angefeindet, das ging bis hinauf zu den Gouverneuren oder den Ministern. Weil die Leute sind dadurch politisch unabhängig geworden, das wurde von den Politikern sogar subversiv genannt, weil eben die herkömmlichen Machtstrukturen untergraben wurden.“

Sogar die linksgerichtete Präsidentin Dilma Rousseff wurde kurz nach ihrem Amtsantritt beeinflusst, sodass sie dem Zisternenprogramm kein Geld mehr gegeben hat, erinnerte sich Schistek. „Ein Minister stand hinter der Idee, die Zisternen aus Plastik vorzufertigen. Er hatte eine entsprechende Firma. Dilma musste aber verschiedene Koalitionen eingehen, um überhaupt eine Regierung bilden zu können. Dieser Politiker hat ein Riesengeschäft gewittert, wenn man ein Million Plastikzisternen baut. Es wurde ein Dekret erlassen, dass keine weiteren Projekte mehr zuließ.“

Die Idee hinter dem Projekt sei aber auch gewesen, die lokale Wirtschaft zu fördern, weil ja örtliche Betrieben in den Zisternenbau involviert waren. Die Plastikzisternen wurden aber zentral produziert und per Kran und Lastwagen an die verschiedenen Ort geliefert.

Schistek und seine IRPAA-Mitstreiter gaben sich aber nicht so schnell geschlagen: „Wir haben innerhalb von drei Tagen eine Protestaktion zusammengerufen und waren selbst erstaunt, dass 15.000 Leute gekommen sind.“ Gerechnet hatten sie mit maximal einem Drittel davon. So aber wurden wichtige Hauptverkehrsrouten blockiert und es rückte neben der örtlichen auch die Bundespolizei an. Der Aufruhr war so groß, dass sogar die Präsidentin im fernen Brasilia Wind davon bekam.

„Die Aktion war am Mittwoch oder Donnerstag und am Dienstag darauf hatten wir schon einen Termin bei der Präsidentin.“ Das Resultat war erstaunlich: „Alle Stornierungen wurden wieder zurückgenommen und die Gelder für die örtlich hergestellten Zisternen sogar erhöht.“ Fazit: Man kann etwas erreichen. Wir haben schon auch eine Macht in Brasilien, die NGOs oder die Bürgerrechtsbewegungen. Die Kirche mittlerweile weniger....“

(Das Gespräch führte Edgar Schütz/APA)