Frankfurter Buchmesse - Bürgerkrieg beschäftigt Ehrengast Finnland

Helsinki/Frankfurt (APA/dpa) - Finnland, das dank kostenloser Büchereien ein Vorbild an Lesefreundlichkeit ist, gibt sich gerne cool und kre...

Helsinki/Frankfurt (APA/dpa) - Finnland, das dank kostenloser Büchereien ein Vorbild an Lesefreundlichkeit ist, gibt sich gerne cool und kreativ. Vor der Frankfurter Buchmesse Anfang Oktober hat der Ehrengast eine Sauna-Poetry-Tour angekündigt - präsent ist das Land schon in den kommenden Wochen auch beim Comic Salon in Erlangen. Doch viele prominente Autoren des Landes beschäftigen sich derzeit mit historischen Themen.

Kjell Westö gräbt sich etwa für seine Stoffe oft wochenlang durch die Archive seiner Heimatstadt Helsinki. Im neuen Roman „Das Trugbild“ beleuchtet er die 1938 aufkommenden faschistischen Strömungen in Finnland. Seine Heldin heißt Matilda Wiik und wohnt als einfache Sekretärin unterm Dach eines Mietshauses im Stadtteil Tölö - unweit der Wohnung des Romanautors. „Die Menschen vergessen gern ihre Geschichte“, sagt der 54-Jährige.

Die 5,5 Millionen Finnen haben eine bewegte Geschichte. 600 Jahre lang war das Land unter schwedischer Herrschaft. 1809 kam es als autonomes Fürstentum unter Kuratel des russischen Zaren. 1917 nutzen die Finnen die Gunst der russischen Oktoberrevolution und setzten ihre Unabhängigkeit durch. Um dann in einem blutigen Bürgerkrieg zwischen den sozialistischen „Roten“ und den „Weißen“ zu versinken. Bis zum Sieg der konservativen Bürgerlichen, der letztlich dem Eingreifen der deutschen Ostsee-Division zu verdanken war, kamen in nur drei Monaten fast 10.000 Menschen ums Leben.

Der Bürgerkrieg, außerhalb Finnlands kaum bekannt, bleibt ein großes Trauma. Auch Westö, der zu Recht für seine treffenden Milieustudien gerühmt wird, verknüpft die Handlung in „Trugbild“ wie schon in früheren Romanen mit den Ereignissen von 1918. Der Riss ging, ähnlich wie im spanischen Bürgerkrieg, quer durch die Familien.

Später wurde die Zeit lange totgeschwiegen und war auch in den Schulen kein Thema, wie die Schriftstellerin Leena Lander (58) berichtet. „Doch die Geschichten von damals sind weiter präsent.“ Den Anstoß für ihren eigenen Bürgerkriegs-Roman „Eine eigene Frau“ hat sie durch private Recherchen für die Chronik ihres Heimatdorfs bei Turku erhalten. Plötzlich begannen die Menschen über die Vergangenheit zu sprechen.

Sofi Oksanen ist mit knallbunt verzierten Dreadlocks und stets schwarzem Outfit zwar jung und schräg. Aber auch die 37-Jährige hat sich der Geschichte verschrieben. Die derzeit international erfolgreichste Autorin ihres Landes, Tochter eines Finnen und einer Estin, widmet sich in ihren Romanen vor allem dem Sowjetsystem und stalinistischen Terror.

In dem im August erscheinenden neuen Roman „Als die Tauben verschwanden“ geht es um die deutsche und spätere sowjetische Besetzung Estlands. Pate für den Roman steht die wahre Geschichte eines Mannes, der sich zuerst bei den Nazis verdingte und dann nach 1945 im KGB Karriere machte. Politisch macht sie da keinen Unterschied. „Beide totalitären Systeme waren gleich schlimm.“

Oksanen, die sich aufs Marketing versteht, gehört zu den Stars der 60 Autoren, die Finnland zur Buchmesse nach Frankfurt schickt. Deutschland gilt als traditionell finnlandfreundlich, deutschsprachige Verlage haben auch dank der Übersetzungsförderung aus Finnland rund 130 neue Bücher im Programm. „Unsere Erwartungen sind jetzt schon übertroffen“, sagt Maria Antas von der finnischen Literaturgesellschaft FILI, die den Auftritt organisiert.

Offiziell ist Finnland zweisprachig, auch wenn die schwedischsprechende Minderheit nur noch rund fünf Prozent (300.000) zählt. Schwedisch war bis 1930 an der Universität Helsinki die offizielle akademische Sprache, bis Proteste dies änderten.

Die finnische Literatur ist daher noch recht jung - der erste Roman auf Finnisch erschien erst um das Jahr 1850. Gegenüber der ehemaligen schwedischsprechenden Elite gibt es immer noch Vorurteile, wie Autor Westö sagt. Er selbst schreibt auf Schwedisch - seine Vorfahren seien aber nur einfache Fischer aus dem Süden gewesen. „Der soziale Querschnitt bei den Schwedischsprechenden ist nicht viel anders“, sagt er.

Immer noch fast 100 Schriftsteller stellt diese Minderheit. Die Sprache habe bei der Auswahl der Autoren für Frankfurt keinerlei Rolle gespielt, versichert Antas von FILI. Die internationale Verbreitung der Werke habe oberste Priorität. Von der weltweit größten Bücherschau erhofft sich Finnland den großen Sprung in den weltweiten Literaturmarkt.