Sofi Oksanen: „Finnlandisierung hat meine Generation betrogen“

Helsinki (APA/dpa) - In ihren Romanen widmet sich Sofi Oksanen, Tochter eines Finnen und einer Estin, vor allem der alten Sowjetunion. Die S...

Helsinki (APA/dpa) - In ihren Romanen widmet sich Sofi Oksanen, Tochter eines Finnen und einer Estin, vor allem der alten Sowjetunion. Die Schriftstellerin hält eine „Finnlandisierung“ der Ukraine für falsch. Die 37-Jährige fühlt sich durch die Nachkriegspolitik in ihrer Heimat betrogen und fordert Energie-Unabhängigkeit für die EU. „Russlands Ziel ist es, die Länder um sich herum abhängig zu machen.“

Sie beschäftigen sich vor allem mit der alten Sowjetunion. Woher kommt diese Obsession einer jungen finnischen Autorin?

Oksanen: Als ich an „Stalins Kühe“ im Jahr 2001 zu schreiben begann, war der russische Ton in der Politik wieder aggressiver geworden. Ich hatte außerdem festgestellt, dass meine Generation nicht mehr wusste, was die Sowjetunion war. Es schien alles so verstaubt - irgendwie nicht mehr der modernen Welt zugehörig. In meinem Erstling ging es ja aber auch um Essstörungen. Ich dachte, das führt auch Jüngere zum Lesen eines Buchs, das mit der Sowjetunion zu tun hat. Ich selbst habe dann festgestellt, dass die Geschichte der Sowjetunion nicht nur in einem Buch abgehandelt werden kann.

Wieviel hat ihre persönliche Biografie damit zu tun?

Oksanen: Ich bin innerhalb von zwei unterschiedlichen Systemen aufgewachsen, dem sowjetischen und dem westlichen. Mein Vater hat im Sowjetsystem über 40 Jahre gearbeitet. Ich bin hin- und hergereist zwischen Estland und Finnland, was ziemlich kompliziert war damals.

Hat die Entwicklung in der Ukraine Ihre Befürchtungen mit Blick auf Russland bestätigt?

Oksanen: Alle Anrainer Russlands haben Erfahrung mit der sowjetischen Okkupation. Die Finnen haben vielleicht sogar jetzt noch größere Angst als die Esten, weil die das alles schon kennen. Bei uns gab es ja die sogenannte Finnlandisierung. Angesichts dessen ist es geradezu ein Wunder, dass die Pressefreiheit hier so groß ist. In Estland sollte dies dagegen nicht einfach als gegeben gesehen werden.

Aber hat Finnlands Neutralität und russlandfreundliche Politik letztlich nicht dem Land genutzt? Und wäre dies nicht auch ein Modell für die Ukraine?

Oksanen: Nein. Bei der Finnlandisierung ging es um reine Schaufensterpolitik für die Sowjetunion. Dem Rest der Welt sollte gezeigt werden, dass sie in Frieden mit den Nachbarn leben können, die unabhängig sind. In Wahrheit hat Moskau sogar kontrolliert, was in Finnland in Schulbüchern über die Sowjetunion geschrieben wurde. Ich bin Teil der Generation, die letztlich durch die Finnlandisierung betrogen und hinters Licht geführt wurde.

Was sollte der Westen gegen die Machtansprüche Putins tun?

Oksanen: Die Europäische Union sollte darüber nachdenken, wie wir von der russischen Energie unabhängig werden können. Russlands Ziel ist es, die Länder um sich herum abhängig zu machen. Ein zweites: Viele westliche Länder haben schmutziges Geld aus Russland bei sich aufgenommen. Wenn korruptes Geld britische Parteien finanziert, dann haben wir wirklich ein Problem.

In ihrem neuen Buch beschreiben sie die Besetzung Estlands durch Nazi-Deutschland und anschließend durch die stalinistische Sowjetunion. Welches System war - generell gesehen - ihrer Ansicht nach schlimmer?

Oksanen: Beide totalitären Systeme waren gleich schlimm. So wird es heute in finnischen Schulen gelehrt. Die einen waren rassistisch, die anderen dachten an die Überlegenheit einer sozialen Klasse. Kurz vor seinem Tod dachte Stalin übrigens daran, die restlichen Juden in der Sowjetunion zu liquidieren.