Wiener Philharmoniker: ESC bringt Sommernachtskonzert in Terminnot

Wien (APA) - Der Sieg von Conchita Wurst bereitet den Wiener Philharmonikern Probleme. Nicht, weil sie um ihr Alleinstellungsmerkmal als mus...

Wien (APA) - Der Sieg von Conchita Wurst bereitet den Wiener Philharmonikern Probleme. Nicht, weil sie um ihr Alleinstellungsmerkmal als musikalische Botschafter Österreichs in der Welt fürchten, sondern weil sich eine Terminkollision anbahnt: Ihr Sommernachtskonzert 2015 in Schönbrunn ist seit langem für den 14. Mai angesetzt. Durch die Ausrichtung des Song Contest durch den ORF wackelt der Termin nun aber.

„Ich äußere mich nur zu der Musik, von der ich etwas verstehe“, verweigert Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg im Gespräch mit der APA jeden Kommentar zum musikalischen Teil des Song Contest. Die Terminfrage ist jedoch heikel: „Das ist eine Baustelle, die vor wenigen Tagen aufgebrochen ist“, so Philharmoniker-Geschäftsführer Dieter Flury. Es sei bereits jetzt klar, dass der ORF kaum genügend Kapazitäten für zwei Großereignisse innerhalb weniger Tage bereitstellen könne. Ein solches ist nämlich auch das traditionelle Sommernachtskonzert, das in der nächsten Woche (29. Mai) zum elften Mal stattfinden wird - es dirigiert Christoph Eschenbach, Solist ist Lang Lang. Im kommenden Jahr soll Zubin Mehta dirigieren, als Solist ist Rudolf Buchbinder vorgesehen.

Nach den Wetter-Kapriolen der vergangenen Jahre („Wir hatten schon ein Jahr, in dem es beim Neujahrskonzert wärmer war als bei unserem Sommernachtskonzert“) ist man in der Hinsicht bereits abgeklärt. Mehr Sorgen bereitet die Finanzierung des Großereignisses, bei dem 700 Menschen involviert sind. „Die Ansprüche werden höher, das macht es nicht billiger.“ Nur 30 Prozent der Kosten würden von der öffentlichen Hand abgedeckt: „Dabei ist das ja eine unglaubliche Wien-Werbung. Wir waren voriges Jahr in 73 Ländern präsent.“

Am 28. Juni spielen die Philharmoniker ein weiteres Konzert, das europaweit für Aufmerksamkeit sorgen wird. Zum 100. Jahrestag des Attentats auf Thronfolger Franz Ferdinand geben sie ein Gedenkkonzert in der „Vijecnica“, dem während des Bürgerkriegs 1992 zerstörten Alten Rathaus von Sarajevo, das später als Nationalbibliothek genutzt wurde. Hellsberg: „Ich war vor wenigen Tagen bei der Wiedereröffnung. Es ist wunderschön geworden. Mit der Akustik werden wir sicher einiges zu tun haben, schließlich ist das keine Konzerthalle. Es geht aber um die Symbolkraft dieses Ortes. Es ist ein einzigartiges Gebäude, da verschieben sich die Prioritäten.“

Verschiedentlich laut gewordene Kritik an der Einbeziehung des Kaiserquartetts, in dem Joseph Haydn das Thema seiner Kaiserhymne variierte, weist Hellsberg zurück: Das von Haydn bis „La valse“ von Ravel reichende Programm habe die Zustimmung des früheren wie des jetzigen Bürgermeisters von Sarajevo gefunden. „Das ganze Programm hat ja einen großen, durchdachten Bogen. Außerdem spielen wir den zweiten Satz aus dem Streichquartett und nicht die Hymne!“

Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Orchesters, die im vergangenen Jahr verstärkt vorangetrieben wurde, sei im Zuge der USA-Tournee sehr gut aufgenommen worden. „In allen Städten sind Leute auf mich zugekommen und haben gesagt: Ich sehe jetzt die Philharmoniker in einem anderen Licht“, sieht sich Hellsberg bestätigt. In Österreich fühlen sich die Philharmoniker hingegen zu Unrecht kritisiert: „Wir haben einen gewissen Stolz, dass wir eine der ersten Institutionen in Österreich waren, die begonnen haben, sich damit auseinanderzusetzen“, sagt Flury und wirft den Medien das „kritiklose Nachbeten“ von Versäumnis-Vorwürfen vor.

Mit dem Leitungsteam der kommenden zwei Salzburger Festspiel-Saisonen, Sven-Eric Bechtolf und Helga Rabl-Stadler, sind die Wiener Philharmoniker in amikalen, kontinuierlichen Gesprächen. Im neuen Haus des scheidenden Intendanten Alexander Pereira, der Mailänder Scala, werden sie in der kommenden Saison zwei Konzerte geben. Mit Pereira haben man nie ein Problem gehabt, nur habe man ihn immer wieder einbremsen müssen. „Wir waren bei ihm sehr gefragt. Aber manchmal wollte er zu viel von uns.“ In diesem Lichte sehen die Philharmoniker-Spitzen auch die jüngsten Probleme Pereiras in Mailand: „Er ist so begabt, hat so viel Temperament und Fantasie, aber er manövriert sich immer wieder in Situationen, in denen es schwierig wird.“

Die Einsparungsdiskussionen im Kulturbereich, deren „Wetterleuchten“ auch in Österreich zu sehen sei, beschäftigen auch die Wiener Philharmoniker. Der Orchester-Betriebsrat habe einen Sitz im Staatsopern-Aufsichtsrat, sei aber zur Verschwiegenheit verpflichtet, schildern die beiden „einfachen Mitglieder“ des Staatsopernorchesters Flury und Hellsberg.

„Die jüngere Generation bei uns macht sich sehr wohl Sorgen um die Zukunft. Man muss sich ja eine Orchesterkultur als Pyramide vorstellen, bei der es nur eine Spitze geben kann, wenn es eine breite Basis gibt“, sagt Dieter Flury. „Gehen Sie heute mit einem Notenblatt auf die Kärntner Straße und fragen, wer das lesen kann! Wir haben da einen unglaublich hohen Analphabetismus in Österreich. Es ist ein gemeinsames Anliegen mit den anderen Flaggschiffen der österreichischen Kultur, ein Kulturbewusstsein zu erhalten. Es gibt kaum eine Institution, die nicht intensive Jugendprogramme anbietet. Weil sie wissen, sonst stirbt das aus...“ Darüber hinaus habe man „die verdammte Pflicht, das Verständnis zu fördern und Feindbilder abzubauen. Jugendprogramme haben auch einen gesellschaftlichen Auftrag: Leute, die zusammen musizieren, werden sich hoffentlich weniger den Schädel einschlagen!“