Fußball-WM: Porträt Friedenreich -deutsch-brasilianischer Grenzgänger

Wien (APA/dpa) - Man sagt, er habe 1329 Tore geschossen - und damit mehr als Pele. Arthur Friedenreich gilt vielen als größter Torjäger der ...

Wien (APA/dpa) - Man sagt, er habe 1329 Tore geschossen - und damit mehr als Pele. Arthur Friedenreich gilt vielen als größter Torjäger der Geschichte. Seine aktive Zeit liegt bald ein Jahrhundert zurück. Der 1892 in Sao Paulo als Sohn der Afro-Brasilianerin Matilde und des deutschstämmigen Oscar Friedenreich geborene Fußballer war der erste dunkelhäutige Spieler in der brasilianischen Nationalmannschaft.

Erst 1888 hat das südamerikanische Land die Sklaverei abgeschafft und somit die Ehe von Arthurs Eltern ermöglicht. Die heutige Metropole Sao Paulo war damals noch eine Kleinstadt mit etwa 60.000 Einwohnern. Der Kaffeeboom lockte Bänker und Händler aus aller Herren Länder an, unter anderem auch aus Deutschland und England. Letztere brachten die europäische Sportvereinskultur mit, und so wurden Ende des 19. Jahrhunderts in Sao Paulo die ersten Fußballclubs gegründet.

Diese standen zunächst nur der weißen Oberschicht offen. Aber der Mulatte Friedenreich hatte Glück, denn der Hamburger Bankangestellte Hans Nobiling hatte 1899 mit dem SC Germania den Verein der deutschen Gemeinde gegründet. Der Club musste übrigens während des Zweiten Weltkriegs seinen Namen in Pinheiros ändern.

Bei Germania wurde Friedenreich 1909 aufgenommen. Brasilien war damals eine offen rassistische Gesellschaft, und Friedenreich begann, seine Kräuselhaare mit heißen Tüchern und Gel zu glätten. Fußball war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Sport der Oberschicht, die unter sich bleiben wollte. Der wichtigste Mechanismus, um Mittellose auszuschließen, war das Amateur-Ideal. So konnte man die auf Bezahlung angewiesene Unterschicht ausschließen. Mit eisernem Willen musste Friedenreich diese sozialen Schranken durchbrechen. 1914 wurde er als einziger dunkelhäutiger Spieler in die erste Nationalmannschaft Brasiliens berufen.

Sein großer Coup war jedoch der Wechsel zum CA Paulistano 1917, mit dem er insgesamt sechsmal Meister wurde. 1919 schoss er das Siegtor des ersten Titels der „Selecao“ bei der Südamerikameisterschaft 1919.

Das Amateur-Ideal blieb jedoch ein Problem für Friedenreich. Der einflussreiche Präsident von CA Paulistano konnte ihm unter der Hand einen Job in einem Landesministerium verschaffen. Darüber hinaus spielte er noch in inoffiziellen Meisterschaften. Dort wurden schon damals Handgelder gezahlt. Und dort hat er die meisten seiner Tore geschossen, die aber nicht dokumentiert sind. Deshalb kann seine Trefferquote nicht mehr nachgewiesen werden. In offiziellen Statistiken sind 554 Tore nachgewiesen.

1935 beendete Friedenreich seine Karriere bei Flamengo in Rio de Janeiro, ohne jemals eine WM gespielt zu haben. Erst 1933 wurde das Profitum zugelassen und somit Brasiliens Fußball offiziell für Dunkelhäutige und Arme geöffnet.

Friedenreich geriet sehr schnell in Vergessenheit. Nach verschiedenen Anstellungen als Fußballtrainer und Werbeträger einer Brauerei wurde Friedenreich in den 1960er-Jahren schwer krank. Seiner Frau Joana fehlte damals Geld für Medikamente. Sie beklagte sich bitterlich darüber, dass sich kaum noch jemand Seiner erinnert: „Wenn er dann gestorben ist, braucht ihr nicht mehr zu kommen.“ Am 6. September 1969 starb Friedenreich in Sao Paulo.