Fußball-WM: Porträt Socrates - Spielmacher, Arzt, Demokratie-Kämpfer

Wien (APA/dpa) - Socrates starb an dem Tag, als sein Heimatverein Corinthians am 4. Dezember 2011 die brasilianische Meisterschaft gewann. D...

Wien (APA/dpa) - Socrates starb an dem Tag, als sein Heimatverein Corinthians am 4. Dezember 2011 die brasilianische Meisterschaft gewann. Die Spieler ehrten ihr Idol, indem sie seine Geste beim Torjubel nachahmten: Sie reckten die geballte Faust nach oben. Socrates hat nie einen WM-Titel gewonnen, war aber auf und abseits des Platzes eine Ausnahmeerscheinung: Arzt, Intellektueller, Kämpfer für die Demokratie.

Der in Belem geborene Socrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira war im Mittelfeld-Dreamteam der Selecao der 1980er-Jahre. Die Fantastischen Vier wurden sie genannt: Socrates, Zico, Falcao und Toninho Cerezo. Die damalige Brasilien-Auswahl galt als eine der besten der Geschichte. Socrates war ein Spieler aus einer anderen Generation, die wohl heute unter dem Zeitdruck, der Schnelligkeit und dem Kommerz des Fußballgeschäftes kaum noch vorstellbar wären.

Von seinen Mitspielern wurde er „Magrao“, der Magere, gerufen. Er trainierte wenig, rauchte viel und trank über die Maßen. „Ja, ich war Alkoholiker, wenn ich wollte. Wer täglich Alkohol trinkt, ist Alkoholiker. Ich war abhängig vom Alkohol, habe aber nicht jeden Tag getrunken“, gestand er 2011. Wenig später starb er in Sao Paulo in einem Krankenhaus an den Folgen eines septisches Schocks und multiplem Organversagen im Alter von 57 Jahren. Die Ärzte hatten kurz zuvor eine Leberzirrhose festgestellt.

Er lebte stets auf der Überholspur. Sein Charisma und sein Engagement brachten ihm bei den Corinthians-Spielern viel Respekt ein. „Wenn wir in den Umkleideräumen von Corinthians diskutierten, sprachen alle durcheinander und keiner kam zu einem Schluss. Dann öffnete Socrates den Mund, und alle hörten zu und waren sich einig“, erinnerte sich der frühere Corinthians-Tormann Sollito an eine typische Szene. Socrates machte für Corinthians 297 Spiele und schoss dabei 172 Tore.

Er war Anfang der 1980er-Jahre auch eine Schlüsselfigur der „Democracia Corintiana“, die in dem Club basisdemokratische Strukturen einführte, bei denen Spieler per Abstimmung wichtige Entscheidungen wie Aufstellungen und Neuverpflichtungen selbst trafen - eine Revolution in Brasiliens Fußball-Landschaft. Socrates war politisch links und auch in der Demokratiebewegung „Diretas Ja“ aktiv, die zum Ende der Militärdiktatur (1964-1985) für eine Direktwahl des Präsidenten kämpfte.

Im Nationaltrikot bestritt Socrates 63 Spiele, in denen er 25 Tore schoss. Für den Fußballverband bleibt der ehemalige Mannschaftskapitän einer der „brillantesten Spieler der Geschichte der brasilianischen Selecao“. Er war sicher auch einer der schillerndsten Spieler. Sein Lebenswandel war nur sehr bedingt vorbildlich.

Vor der Abreise 1984 nach Italien, wo der 1,92-Meter-Mann kurze Zeit für Florenz spielte, trank er einmal während eines Interviews große Mengen Bier und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Auf die Frage, ob dies angemessen für einen Athleten sei, sagte er mit einem Lächeln: „Ich bin kein Athlet. Ich bin Fußball-Künstler.“