Fußball-WM: Porträt Dunga - „Schönes Spiel muss kontrolliert werden“

Wien (APA/dpa) - Carlos Dunga hat Brasilien 1994 erstmals nach 24 Jahren wieder zum WM-Titel geführt. Später wurde Carlos Caetano Bledorn Ve...

Wien (APA/dpa) - Carlos Dunga hat Brasilien 1994 erstmals nach 24 Jahren wieder zum WM-Titel geführt. Später wurde Carlos Caetano Bledorn Verri, so sein gesamter Name, auch Teamchef. Doch kein anderer Star hat den brasilianischen Fußball so gespalten wie er. Denn Dunga war kein Zauberer mit dem Ball, sondern Mittelfeld-Abräumer mit Führungsqualität.

Als die brasilianische Mannschaft nach dem Viertelfinal-Aus gegen die Niederlande 2010 in Südafrika im Teamhotel eintraf, da schallten Carlos Dunga böse Rufe entgegen: „Burro!“ - Esel! Beim Abendessen hielt Julio Cesar eine emotionale Ansprache. „Du hast eine Gruppe von Freunden, von Brüdern geformt. Wir hätten die WM so gerne für dich gewonnen“, sagte der Torwart zu seinem Teamchef.

Der Sohn eines Beamten und einer Lehrerin, dessen Großeltern einst aus Deutschland einwanderten, erhielt seinen Spitznamen Dunga einst nach einem der sieben Zwerge aus der portugiesischen Schneewittchen-Fassung, weil er als Kind und Jugendlicher nicht der Größte war. Im Vereinsfußball gewann er nur einen Meistertitel mit Jubilo Iwata 1997 in Japan, im Spätherbst seiner Karriere. 1993 hatte ihn der VfB Stuttgart für vier Millionen Mark von Pescara Calcio verpflichtet, aber ein großer Star wurde er bei den Schwaben nie.

Dungas typische Gesten auf dem Rasen waren, wie er die Ärmel seines Trikots hochkrempelte und seine Mitspieler dirigierte. Er glänzte als markanter Abräumer im Mittelfeld und als kluger Passgeber. Seinen pragmatischen Stil zog er mit bewundernswerter Beharrlichkeit durch.

Weil Dunga - als Spieler und später als Nationaltrainer - der brasilianische Ballzauber abging, schlug ihm in seiner Heimat immer wieder Verachtung entgegen. Als die Selecao 1990 im WM-Achtelfinale gegen den Erzrivalen Argentinien ausschied, machte ihn dafür ganz Brasilien verantwortlich. Am 17. Juli 1994 in Pasadena/USA reckte aber Dunga den Pokal in die Höhe - nach 24 Jahren war Brasilien endlich wieder Weltmeister. Von den Lippen, so hieß es später in seiner Heimat, habe man ihm in diesem Moment einen Gruß an seine ewigen Kritiker ablesen können: „Für euch, ihr Verräter ... Hurensöhne!“ Ohne Dunga als Dompteur der Rasselbande hätte Brasilien kaum triumphiert.

2006 übernahm er überraschend die Nationalmannschaft - es war seine erste Trainerstation. Ein Jahr später gewann er die Copa America, doch Ruhe hatte er nie. „Es beunruhigt mich, wenn es von der Leistung des Torwarts abhängt, ob wir gewinnen“, klagte Zico, der „Weiße Brasilianer“. Der Ruf nach Samba-Fußball und dem „jogo bonito“ (schönes Spiel) nervten Dunga. „Alle, die vom Fußball sprechen, reden vom schönen Spiel. Aber das schöne Spiel muss auch kontrolliert werden.“

2010 in Südafrika schottete Dunga den Mitfavoriten ab, verhängte eine restriktive Medienpolitik und schien mit seinem Team um Superstar Kaka auf einem guten Weg. Bis zu jenem Moment, als die 1:0 führende brasilianische Mannschaft gegen die Niederlande nach einem Patzer von Keeper Cesar wie ein Kartenhaus zusammenfiel und am Ende 1:2 verlor. Aber es bleiben ihm ein WM-Titel, 116 Länderspiele, drei WM-Teilnahmen - und die Gewissheit, immer seinen Weg gegangen zu sein. Zuletzt wurde der heute 50-Jährige beim SC International im Oktober entlassen.