Reformator Johannes Calvin starb vor 450 Jahren in Genf

Genf/Paris (APA) - Gott hat es in seiner souveränen Freiheit gefallen, von Ewigkeit her die einen zur Seligkeit und die anderen zur Verdammn...

Genf/Paris (APA) - Gott hat es in seiner souveränen Freiheit gefallen, von Ewigkeit her die einen zur Seligkeit und die anderen zur Verdammnis zu bestimmen. Dies treibt den Menschen zu rastloser Tätigkeit, denn aus seinem Erfolg dabei könne mit Wahrscheinlichkeit auf die Tatsache der Erwähltheit geschlossen werden. Dies ist der Kern der Prädestinationslehre des vor 450 Jahren gestorbenen Reformators Johannes Calvin.

Johannes Calvin (eigentlich Jean Cauvin) wurde am 10. Juli 1509 in Noyon (Region Picardie) als Sohn eines Generalprokurators des Domkapitels dieser nordfranzösischen Stadt und dessen flämischer Frau geboren. Der Vater hatte ihn zu einem geistlichen Amt bestimmt. 1523 begann er in Paris humanistische Studien (darunter die sieben freien Künste Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie), es folgten juristische Studien in Orleans und Bourges, wobei er eine Meisterschaft als Dialektiker und eine gründliche Kenntnis des Rechts als „geschriebene Vernunft“ erwarb und eine Vorliebe für moralische Probleme und realistische Theorie über Gesellschaft und Staatsführung erwarb.

Früh kam Calvin mit reformistischen Kreisen, mit lateinischen Schriften Martin Luthers und dessen Abendmahlstreitigkeiten mit Huldrych (Ulrich) Zwingli in Berührung. Durch intensives Studium der Heiligen Schrift erwarb er sich auch eine bedeutende theologische Bildung.

1533 verfasste Calvin die Antrittsrede für seinen zum Rektor der Pariser Universität berufenen Freund Nicolas Kop, in der die althergebrachte Scholastik als „Ketzerei“ bezeichnet, die Lutherische Lehre als „rechtgläubig“ dargestellt und offen zur Akzeptanz der verfemten Protestanten aufgerufen wurde. Der Tumult unter den Zuhörern und eine Anzeige gegen Kop beim höchsten Pariser Gericht zwangen diesen und Calvin zur Flucht aus Paris.

Calvin wandte sich zunächst über Angouleme, Noyon (wo er seine Pfründe zurückgab) nach Basel, wo 1536 seine „Christianae Religione Institutio“ herausgegeben wurde, eine systematische Darstellung des protestantischen Glaubens, dem sich Calvin in engem Anschluss an Luthers Katechismus allmählich zugewandt hatte. Es war aber auch eine in der Folge immer mehr erweiterte Kampf- und Verteidigungsschrift, in der er einen neuen, sich abgrenzenden Typ protestantischer Frömmigkeit schuf.

Im gleichen Jahr 1536 gelangte Calvin, der eigentlich nach Straßburg wollte, nach Genf, wo ihn der reformatische Prediger Guillaume Farel überredete, ein Lehramt zu übernehmen. Die strenge Kirchenzucht, die beide entwickelten, führte zu ihrer Ausweisung aus Genf. 1538 kam Calvin nach Straßburg, wo er die Gemeinde geflüchteter Hugenotten betreute und mit dem dort tätigen Reformator Martin Bucer und dessen Theologie in Kontakt kam. In Straßburg heiratete Calvin 1540 Idelette de Bure, die Witwe eines bekehrten Wiedertäufers, die aber schon 1549 starb. In deutschen Ländern nahm Calvin an verschiedenen Religionsgesprächen teil, wobei er mit dem Fortgang der Reformation vertraut wurde.

1541 folgte Calvin einem Ruf des Genfer Rates und schuf dort im Zuge von Auseinandersetzungen mit der eher freiheitlichen und lebenslustigen Aristokratie eine neue kirchliche Ordnung und gab den sogenannten Genfer Katechismus heraus. Allerdings kam es in der Folgezeit zwischen dem Rat der Stadt Genf und Calvin immer wieder zu Spannungen, weil Calvin mehr Selbstständigkeit für die Kirche forderte, als der Rat zugestehen wollte.

Nach der Genfer Kirchenordnung leitet sich die Gemeinde, zum Gottesdienst und zur Heiligung ihrer Glieder berufen, selbst durch Wahl der Vertreter für die geistlichen Ämter: Pastoren (zuständig für Predigt und Seelsorge), Doktoren (für die Lehre), Älteste (zur Überwachung der Kirchenzucht) und Diakone (denen die Armenpflege oblag). Zwei Ausschüsse waren zuständig für die Wahl der Geistlichen und zur Leitung der Gemeinde durch das Konsistorium (Synode). Dieses Konsistorium überwachte den Lebenswandel, strafte religiöse Vergehen oder beantragte weltliche Strafen bei staatlichen Organen, die der Gemeinde zu helfen verpflichtet waren (also eine Art theokratisches Regiment). Der Kirchenbesuch wurde überwacht, auf Sittenstrenge großer Wert gelegt, Tanz und Glücksspiele wurden verboten. Die Betonung lag auf Ehrlichkeit, Fleiß, Sparsamkeit und Disziplin der Menschen. Wie die anderen Reformatoren ließ Calvin nur zwei Sakramente zu - Taufe und Abendmahl.

Widerstand gegen die Lehre und die Genfer Kirchenordnung wurde in der Folge streng bestraft. Allein bis 1546 gab es nicht weniger als 58 Todesurteile. Das prominenteste Opfer gab es später - 1553, als der aus Spanien stammende Wissenschafter Michel Servet (Miguel Serveto), der den Blutkreislauf beim Menschen entdeckt hatte, wegen seiner Kritik an Calvins Reformen und Leugnung der Dreifaltigkeit auf dem Scheiterhaufen endete. Masseneinkerkerungen, -folterungen und -tötungen Andersdenkender gab es im Gegensatz zu vielen katholisch gebliebenen Ländern Europas in Genf nicht.

Ziel Calvins war es, mit seinen strengen moralischen Grundsätzen das menschliche Leben vollkommen zu verchristlichen und auch die Obrigkeit der Kontrolle durch die Kirche zu unterwerfen. Die Gemeinde wiederum sollte von der staatlichen Bevormundung frei sein. Am Anfang und am Ende von Calvins Theologie steht der Gottesgedanke, die Empfindung der Macht Gottes vor allem, die zum Konflikt zwischen dem Selbstwollen der Menschen und der Gehorsamspflicht Gottes gegenüber führt. Seine Lehre ist von der Vorstellung geprägt, dass der äußere Reichtum eines Menschen auf Erden sein Heil nach dem Tod entscheidet: Nur dem von Gott Erwählten ist irdischer Wohlstand beschieden.

Über Genf hinaus hat Calvin vor allem durch einen regen Briefwechsel an der Durchsetzung der Reformation in ganz Europa mitgewirkt. Diesem Ziel diente auch die von ihm 1559 gegründete Genfer Akademie, die den kirchlichen und staatlichen Führern des reformierten Protestantismus das Rüstzeug für ihren Kampf gab. Der Calvinismus verbreitete sich in Europa vor allem in der Schweiz (Helvetisches Bekenntnis, H.B.), Frankreich (Hugenotten), den Niederlanden, Schottland (Presbyterianismus), beeinflusste zahlreiche Kirchen in den USA, aber auch in Osteuropa fand er Anhänger, so in Ungarn, Böhmen, Polen und Siebenbürgen.

Er war, auf städtischem Boden erwachsen, schon am Anfang vor die Notwendigkeit gestellt, aus Frankreich vertriebenen Hugenotten Arbeit und der Stadt Genf Gewerbe und Industrie zu verschaffen. Calvin kannte nicht Luthers Abneigung gegen Erwerb aus kaufmännischer Tätigkeit und Zinsnehmen. Auf die politische, wirtschaftliche und soziale Gestaltung Westeuropas und Nordamerikas hat der Calvinismus nachhaltigen Einfluss ausgeübt - es waren die Vertreter von Handel und Industrie, die die Hauptträger dieser protestantischen Bewegung wurden.

Calvin starb nach längerer Krankheit am 27. Mai 1564 in Genf. Sein Grab befindet sich auf dem Cimetiere des Rois im Genfer Stadtteil Plainpalais. Sein Denkmal steht vor dem Hauptgebäude der Genfer Universität.

Die militanten Formen des neuen und alten Glaubens - der Calvinismus auf protestantischer und der Jesuitenorden auf katholischer Seite - wurden in der Folge zu Trägern der politisch-religiösen Auseinandersetzungen in Europa.