Paul Achleitner - Österreicher ist Wächter über „neue“ Deutsche Bank

Frankfurt am Main (APA/Reuters) - Die große Bühne mag Paul Achleitner nicht so gerne. Die Macht des Deutsche-Bank-Aufsichtsratschefs zeigt s...

Frankfurt am Main (APA/Reuters) - Die große Bühne mag Paul Achleitner nicht so gerne. Die Macht des Deutsche-Bank-Aufsichtsratschefs zeigt sich nicht in großen öffentlichen Reden, sondern im Stillen. Der Österreicher ist bei Deutschlands größtem Geldhaus der Strippenzieher im Hintergrund - und nicht im Scheinwerferlicht.

Über die Familie in München weiß man wenig. Bei einem seiner wenigen Auftritte auf einer Konferenz lieferte Achleitner unlängst auf fließendem Englisch eine ungewöhnliche Selbstbeschreibung: „Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der Privates privat war und Job war Job. Heute vermischt sich das alles. Meine Söhne lieben es. Ich hasse es.“ Seine Schlussfolgerung: „Ich muss meine Verhaltensmuster anpassen. Der Zeitgeist heißt Transparenz.“

Seit 1. Juni 2012 steht Achleitner an der Spitze des Aufsichtsrats der Deutschen Bank - er ist damit einer der mächtigsten Finanzmanager Deutschlands. Als eine der ersten Amtshandlungen hat der 57-Jährige dem Frankfurter Geldhaus einen „Kulturwandel“ verordnet. Doch die Ankündigung überlässt er den beiden neuen Vorstandschefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen. Er kontrolliert dessen Umsetzung eher als graue Eminenz hinter den Kulissen. „Meine Devise heißt: Führen durch Fragen. Wenn man die richtigen Fragen stellt, kann man sehr viel erreichen“, beschreibt Achleitner sein Führungsprinzip.

Gut möglich, dass der Chef-Kontrolleur Jain und Fitschen unlängst gefragt hat, ob sie beim Aufpolstern der vergleichsweise dünnen Kapitaldecke der Deutschen Bank nicht mehr Gas geben wollen. Jedenfalls segnete der Aufsichtsrat jetzt über das Wochenende die zweitgrößte Kapitalerhöhung in der Geschichte des Instituts ab, 8 Mrd. Euro schwer.

Achleitner mischt sich stärker ins Tagesgeschäft ein, als es viele gedacht hätten. Falls er mit dem Führungsduo, das mit vielen Altlasten kämpfen und jetzt Ziele der „Strategie 2015+“ um ein Jahr aufschieben muss, unzufrieden sein sollte, dann erfahren es die beiden Manager nicht aus der Zeitung. Kollegen im Aufsichtsrat beschreiben Achleitner als Mann der leisen Töne und als Respektsperson. Wer schlecht vorbereitet zur Sitzung des Gremiums oder einzelner Ausschüsse erscheine, der werde höflich, aber bestimmt zusammengefaltet. Laut geworden sei Achleitner noch nie.

Der Aufsichtsratsvorsitz bei der Deutschen Bank ist der wohl schwierigste Posten, den der Spitzenmanager in seiner Laufbahn bekleidet hat. Achleitner, zunächst gewählt bis 2017, steht vor einem Spagat: Er muss einerseits dafür sorgen, dass die Bank in den Augen der Öffentlichkeit nicht mehr allzu großspurig daherkommt und ihre zahllosen Rechtsstreitigkeiten und Altlasten der Finanzkrise endlich abschüttelt. Stichwort „Kulturwandel“. Nur dann ist das Institut für die Politik wieder ein akzeptabler Gesprächspartner. Vielleicht holt sich Achleitner dabei auch den Rat seiner Frau Ann-Kristin ein, einer renommierten Wirtschaftsprofessorin, die in der Regierungskommission zur guten Unternehmensführung (Corporate Governance) sitzt.

Andererseits darf sich die Deutsche Bank aber auch nicht zu klein machen. Sie muss sich weiter mit den besten Investmentbanken der Welt messen lassen, will sie die mächtigen Großinvestoren bei der Stange halten. Niemand weiß das besser als Achleitner, der selbst aus dem Investmentbanking kommt, auch wenn er das Wort nicht mag: 1988 wechselte der promovierte Rechts- und Sozialwissenschaftler von der Unternehmensberatung Bain & Co. zur US-Investmentbank Goldman Sachs. Von 1994 bis 1999 war er sogar Statthalter der Bank in Deutschland und fädelte große Fusionen mit ein, etwa die der beiden Autokonzerne Daimler und Chrysler.

Achleitner hat nie bestritten, dass die Banken vor der Finanzkrise Fehler gemacht haben, dass sie teilweise mit zu viel Geld jongliert haben. Wie eine Droge sei das gewesen. Er warnt in seinen wenigen Interviews aber beharrlich davor, dass die Branche als Lehre aus der Krise überreguliert wird und alle Geldhäuser über einen Kamm geschoren werden. Die Eurozone, davon ist Achleitner fest überzeugt, brauche eine starke Bank, die den US-Rivalen die Stirn bieten kann. Und die Deutsche Bank habe alles, um diese Rolle wahrzunehmen, sagt der Aufsichtsratschef. Größe allein sei aber kein Selbstzweck: „Man muss groß und zugleich schnell und widerstandsfähig sein. Das heißt dann agil. Genau darauf kommt es an.“

Kritiker werfen Achleitner vor, so manches Risiko nicht früh genug erkannt zu haben, etwa in seiner Zeit bei der Allianz, zu der er Anfang 2000 als Finanzchef wechselte. So entpuppte sich die milliardenschwere Übernahme der Dresdner Bank im Jahr 2001 als teure Fehlentscheidung für den Versicherungsriesen, die Erwartungen wurden nie erfüllt. Die Dresdner Bank hatte sich an den Märkten verzockt und wurde mehr und mehr zur Belastung. Mit viel Glück schlug die Allianz die ungeliebte Tochter 2009 an die Commerzbank los.

Dennoch bleibt ein Fleck auf Achleitners weißer Weste. Bei der Deutschen Bank kann er jetzt zeigen, dass er aus Fehlern gelernt hat. Das dürfte auch seine größte Motivation sein, berichtet ein Vertrauter: „Des Geldes wegen macht Achleitner den Job sicher nicht, schon gar nicht bei diesem Arbeitsaufwand. Er will derjenige sein, von dem es irgendwann heißt: Der hat die Deutsche Bank wieder flott gemacht.“

~ ISIN DE0005140008 WEB https://www.deutsche-bank.de/index.htm ~ APA272 2014-05-19/12:40