Putschist oder Retter Libyens vor dem „islamistischen Terror“?

Tripolis (APA/AFP) - Die einen halten ihn für einen Putschisten, er selbst sieht sich als Retter Libyens. Der 71-jährige frühere General Kha...

Tripolis (APA/AFP) - Die einen halten ihn für einen Putschisten, er selbst sieht sich als Retter Libyens. Der 71-jährige frühere General Khalifa Haftar war Zeit seines Lebens ein Rebell. Er war am Sturz der Monarchie beteiligt, dann am Aufstand gegen Machthaber Muammar Gaddafi, und nun legt er sich mit der Übergangsregierung an. Was ihn dabei antreibt, ist derzeit ebenso unklar wie die Lage in Libyen.

Am Freitag startete Haftar seinen eigenmächtigen Kampf gegen die Islamisten in Benghazi. Eine Gruppe ehemaliger Rebellen unter seinem Kommando namens „Nationale Armee“ beschoss zunächst mit Unterstützung von Kampfflugzeugen Unterkünfte der islamistischen Bewegung „Brigade des 17. Februar“. Unter wessen Kommando die Kampfjets standen, war unklar, der Generalstab bestritt jegliche Beteiligung der regulären Streitkräfte. Bei den Kämpfen wurden rund 80 Menschen getötet.

Am Sonntag dann griffen bewaffnete Einheiten das Übergangsparlament in Tripolis an. Zu dem Angriff bekannten sich ebenso Offiziere von Haftars „Nationaler Armee“ wie auch die Sintan-Brigaden, der bewaffnete Arm der liberalen Kräfte in Libyen. Obwohl beide Seiten seit Gaddafis Sturz und Tod im Oktober 2011 miteinander rivalisieren, erkennen beide das von islamistischen Gruppierungen dominierte Übergangsparlament nicht mehr an. Sie könnten sich nach Einschätzung eines Armeeoffiziers gegen die Islamisten verbündet haben.

Um das Chaos perfekt zu machen, erklärte Oberst Mokhtar Fernana am Sonntagabend das Parlament „im Namen von Vertretern der Armee und der Revolutionäre“ für aufgelöst.

Ob hinter all den Entwicklungen tatsächlich ein Plan und hinter dem Plan tatsächlich Khalifa Haftar steht, wie die Übergangsregierung bereits am Samstag erklärte, bleibt unklar. Haftar selbst versichert, er habe keinerlei Absicht, die Macht an sich zu reißen, sondern reagiere nur auf den „Ruf des Volkes“.

Der Berufsoffizier wurde an der Militärakademie von Benghazi und anschließend in der ehemaligen Sowjetrepublik ausgebildet. 1969 nahm er am unblutigen Militärputsch unter Muammar al-Gaddafi gegen König Idris teil. Unter dem neuen Machthaber setzte er seine militärische Karriere fort. Während Libyens Krieg gegen den Tschad (1978-1987) geriet er in Gefangenschaft. Die libysche Führung ließ ihn fallen, sie behauptete, der General gehöre nicht ihrer Armee an.

Haftar setzte sich von der Armee ab, nach tschadischen Informationen wurde er vom US-Geheimdienst CIA an die Spitze einer kleinen Gruppe ehemaliger Kriegsgefangener gesetzt und im Terrorkampf gegen Gaddafi ausgebildet. Unter ungeklärten Umständen wurde er von den USA befreit und lebte dort fast zwei Jahrzehnte im Exil. Er schloss sich der libyschen Exil-Opposition an, doch sie vertraute ihm nicht völlig, hielt ihn für einen CIA-Agenten.

Im März 2011 kehrte Haftar nach Libyen zurück, um sich am Aufstand gegen Gaddafi zu beteiligen. Der Nationale Übergangsrat, der politische Arm der Rebellion, ernannte ihn zum Chef der Bodentruppen, unter seinem Kommando standen auch viele übergelaufene Offiziere. Von Anfang an aber genoss der Ex-General nicht das volle Vertrauen des Übergangsrats - sie hielten ihn für ehrgeizig und machtversessen und fürchteten, er strebe eine neue Militärdiktatur an, wie ein ehemaliges Ratsmitglied berichtet.

Kurz nach Gaddafis Ende ernannten rund 150 Offizieren und Unteroffiziere Haftar zum neuen Generalstabschef - bestätigt wurde er in diesem Amt nie. Seitdem trat Haftar nur noch selten in der Öffentlichkeit auf. Im Februar dann kündigte er im Internet eine „Initiative“ zur Suspendierung von Übergangsregierung und -Parlament an. Schon damals sahen einige darin die Ankündigung eines Staatsstreichs.